Sri Lanka nach dem Tsunami

Reisebericht
von
Annett Fletterich

08.Januar 2005 bis 26.Januar 2005

Copyright © 2005 by Annett Fletterich

Die teilweise oder komplette Veröffentlichung dieses Reiseberichtes bedarf der ausdrücklichen Genehmigung von Annett Fletterich oder Steffan Fletterich.

Vorwort Tag 1-3 Tag 4-6 Tag 7-9 Tag 10-12 Tag 13-15 Tag 16-19


Vorwort


Jeder von euch hat bestimmt von dem Seebeben, das am 26.12.2004 den Indischen Ozean erschüttert hatte, gehört, welches einen Tsunami von unvorstellbarem Ausmaß mit sich zog. Hier nun könnt ihr nachlesen, wie es mir ergangen ist, und was ich alles erlebt habe.
Doch viele von euch werden sich jetzt sicherlich fragen, warum ich ausgerechnet nach Sri Lanka gefahren bin und vor allen Dingen: was habe ich für eine Verbindung zu diesem Land?

Doch fangen wir von vorn an...
Wir waren gerade auf der Heimfahrt von Erfurt nach Maintal, da wir die Weihnachtsfeiertage bei unseren Familien verbracht hatten. Doch leider mussten wir schon am 2. Weihnachtstag (26.12.04) heim, da mein Mann Steffan leider am 27.12. wieder arbeite gehen musste. Unterwegs auf der Autobahn kamen dann die ersten Meldungen von einem Tsunami, doch richtig glauben konnten wir es nicht. Ich versuchte per SMS unsere Freundin Kumari in Sri Lanka zu erreichen, doch jeder der vielen Versuche schlug fehl. Derweil hörten wir immer mehr im Radio darüber und kaum waren wir zu Hause angekommen, wurde auch schon der Fernseher angemacht und Steffan suchte das Internet nach weiteren Informationen ab.
Doch das, was wir da sahen und lesen konnten, war mehr als grauenvoll. Immer und immer wieder versuchten wir unsere Freundin zu erreichen, doch es war zwecklos, wir kamen einfach nicht durch...

Noch genau erinnere ich mich an meinen ersten Urlaub auf der kleinen Insel im Indischen Ozean, es war 1998, das Jahr, in dem Steffan und ich dort im damaligen Robinson Club geheiratet hatten, denn schon immer wollten wir im Ausland heiraten, Deutschland kam für uns nie in Frage. Dieser erste gemeinsame Urlaub prägte uns, wir lernten Land und Leute kennen und fühlten uns in den Subtropen richtig wohl. Kumari, die damals noch Angestellte in der Club eigenen Boutique war, kleidete mich an unserem Hochzeitstag an. Genau ein Jahr später waren wir dann wieder in dem Club zu Gast und eine bis heute andauernde Freundschaft zwischen uns und Kumari entstand. Bis heute möchten wir diese junge Frau in unserem Leben nicht mehr missen, denn durch sie haben wir die Menschen in ihrer Heimat besser verstehen gelernt.

Noch an dem Abend des 26.12. entschloss ich mich ganz spontan dazu, nach Sri Lanka zu fliegen. Steffan unterstützte mich voll und ganz in meiner Entscheidung, denn genauso wie ich, hatte er Kumari tief in sein Herz geschlossen und machte sich Sorgen.
Er fing an zu planen und zu organisieren, denn an vieles musste vorher gedacht werden, wärend ich noch immer versuchte Kumari zu erreichen. Erst am nächsten Tag bekam ich für eine knappe Minute ihren Bruder an die Telefonstrippe, doch als er sagte, es sei alles OK mit ihnen, und sie würden alle noch leben, atmeten wir auf. Doch er fügte noch hinzu, das er nicht wüsste wo Kumari sei, da sie noch im Club gearbeitet hatte... Dann wurde die Verbindung unterbrochen.

Erst spät in der Nacht kam die erlösende SMS: ‚Mir geht es gut, macht euch keine Sorgen’. Doch wir machten uns Sorgen, als wir immer mehr von den schrecklichen Bildern im Fernseher sahen. Mittlerweile standen bei uns zu Hause die Telefone nicht mehr still, jeder wollte wissen, ob wir was neues wüssten, viele erkundigten sich nach der jungen Singhalesin, denn sie war ja in unserem Freundes- und Familienkreis keine Unbekannte, nachdem sie schon zwei Mal bei uns in Deutschland zu Besuch gewesen war.


Die nächsten Tage waren mehr als hektisch. Wärend ich zu Hause war und einen Spendenaufruf für Mels Seite www.herrderringe-fanfiction.de verfasste, und dann noch einen Arzt suchte, der zwischen den Feiertagen arbeitete und mir die nötigen Impfungen verabreichen konnte, ging Steffan fleißig in der Firma arbeiten und half mir dann abends dabei, die Kisten und Taschen zu packen. Für mich mussten dann auch noch Reiseschecks beantragt und Dollars getauscht werden. Steffan stellte mir unser Urlaubsgeld für 2005 mit zur Verfügung, und da er nicht mit nach Sri Lanka reisen konnte, blieb da nochmals Geld übrig.

An einem Wochenende vor meinem Reisebeginn fuhren wir nochmals nach Erfurt. Bei Steffans Schwester Michaela hatten wir verschiedene Dinge bestellt, die wir nun dort abholten. Doch lange konnten wir uns dort nicht aufhalten, denn die nächste Station war Mühlhausen. Dort lagerten bei meiner Mom auch noch einige Dinge, die wir fix verluden. Bei beiden Familien wurde ich herzlichst verabschiedet und mit vielen guten Wünschen und Ratschlägen bedacht.

Am nächsten Tag waren wir dann wieder zu Hause und wieder wurde emsig gepackt. Auch unser Postmann hatte etliches zu tragen, denn wie immer in den letzten Tagen, war auch für uns wieder einiges an Paketen und Päckchen dabei, welche ihr uns geschickt habt. Näher und näher rückte das Abreisedatum...


*****


Ganz herzlich möchte ich mich bei jenen bedanken, die diese Reise erst ermöglicht haben.
Ein noch viel größeres DANKE sagen euch alle, denen Ihr mit eurer Spende geholfen habt, das jetzige Leben ein bisschen lebenswerter zu machen...


Dank Eurer Spenden ist sehr vieles möglich geworden.


Alles Liebe wünscht euch

Annett Fletterich

(alias Gilthoniel)

Tag 1

Samstag - 08.01.2005


14.00 Uhr... die Reise ins Ungewisse beginnt. Mit 150 kg Gewicht, die in sechs Gepäckstücken verstaut sind, geht es Richtung Flughafen. Bei der Gepäckaufgabe gibt es manche große Augen und auch viele mitleidige Blicke, denn auf den Boxen und Taschen ist groß das Rote Kreuz zu sehen - welches darauf muss - neben dem Bestimmungsort.
Der Abschied von meinem Mann Steffan fällt mir sehr schwer, und so manche Träne fließt. Vor dem Gate dann treffe ich die Jungs vom THW, und die bringen mich schnell wieder zum Lachen, wohl auch, um ihre eigene Nervosität zu unterdrücken, denn keiner von uns weiß genau, was da auf uns zu kommen wird...
Mit dabei sind auch einige Notärzte und Sanitäter von verschiedenen Krankenhäusern aus ganz Deutschland. Der Flug verläuft ganz ruhig und ich versuche etwas zu schlafen...

23.20 Uhr Zwischenstop in Dubai, einem der schönsten Flughäfen weltweit. Natürlich lockt der Dutty Free Bereich unheimlich, und schnell finde ich mich inmitten des Getümmels wieder.
Ahhh... was es hier so alles gibt. Doch ich beschränke mich aufs Wesentliche. Fünf Stangen Marlboro (zu Tauschzwecken, bin ja Nichtraucher!!!) landen ebenso in dem kleinen Körbchen, wie eine Flasche Whiskey, dich ich mitnehmen soll, wie Steffan mir geraten hat.
Gott sei Dank gibt es gratis zu zwei großen Packs Schokolade eine kleine Reisetasche dazu. Und schon waren es sieben Gepäckstücke und gut 170 kg Gewicht...

Tag 2

Sonntag - 09.01.2005


03.20 Uhr. Am Gate trifft man sich wieder, und die ersten Unterhaltungen mit den Ärzten und Sanitätern beginnen. Alle haben wir das gleiche Ziel... Sri Lanka.
Im ersten, abgetrennten Bereich der Economy Class sitzen wir dann alle zusammen, weiter hinten dann die Leute, die weiter nach Jakarta fliegen.
Die Flugbegleiterinnen sind alle sehr freundlich, und fast jeder machbare Wunsch wird uns erfüllt.
Die dominierende Farbe der Kleidung ist dunkelblau und dazwischen ab und zu mal die Farbe weiß. Nur ich, in hellem grau, steche hervor, aber ich fühle mich hier wirklich gut aufgehoben. Die ersten Fragen werden dann auch an meine Person gerichtet, und viele hören gespannt zu. Keiner von ihnen ist schon einmal in Sri Lanka gewesen, und so krame ich schnell alles Wissenswerte hervor.
Eigentlich wollte ich ein wenig auf dem Nachtflug schlafen, doch daran ist nun nicht mehr zu denken...

09.35 Uhr (in Deutschland 04.35 Uhr früh) Landung in Colombo. Mit Erschrecken sehe ich, dass das Wasser bis an die Landebahn steht und dort nur durch Sandsäcke zurückgehalten wird.
Hier auf dem Flughafen ist die Hölle los. Fast im Minutentakt landen die Maschinen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt. Selbst eine russische Antonow steht da und wird gerade entladen. Was mich jedoch unheimlich stolz macht, sind die vielen Flugzeuge, die aus Deutschland kommen.
Die Passkontrolle ist schnell überwunden, und ab geht’s zur Gepäckausgabe. Ein Kofferboy ist schnell gefunden, und nach und nach trudelt das Gepäck Stück für Stück ein.
Als dann alle sieben da sind, tausche ich noch schnell mit einem THW Mann die Handynummer und gegenseitig wünschen wir uns alles Gute. Die Ärzte gehen nach Jaffna, das THW fährt nach Galle, und meine erste Station wird Panadura sein, dort wo Kumari zu Hause ist.
Der Kofferboy bringt mich in ein kleines Büro. Dort muss man sich als Helfer registrieren lassen und für den Notfall die Handynummer angeben. Bei Organisation steht „Privat“. Von der singhalesischen Gesundheitsministerin bekomme ich nach gut einer Stunde eine Bescheinigung über die Einfuhr der Medikamente, und sie bedankt sich zig Mal über die Hilfe. Mit Kofferboy und einem riesigen Wagen voll Gepäck geht’s dann Richtung Ausgang und Hitze...

Sofort bin ich klatschnass, und das Thermometer zeigt 40,2 °C an, bei einer Luftfeuchte von 97,8 %. Ich atme tief durch. Ich bin in meinem Lieblingsland, doch wie sieht es nun aus???
Sofort leg sich die Luft bleischwer auf die Lungen, und nun bemerke ich auch diesen eigenartigen Geruch... Kumari empfängt mich mit offenen Armen und sieht mit großen, erstaunten Augen auf dem Gepäckwagen.
Der Taxifahrer verlädt alles, der Boy bekommt sein Geld und los geht es die Küstenstraße hinunter. Am Wegesrand sehe ich, einem Meer gleich, die weißen Fahnen, und ich brauche nicht zu fragen, was sie bedeuten, denn hier ist weiß die Farbe der Trauer und der Todes, so wie es bei uns schwarz ist.
Je weiter wir nach Süden fahren, um so schlimmer werden auch die Verwüstungen... und der Geruch. Nach 46 km und rund 4 ½ Stunden Fahrzeit Ankunft in Panadura, wo ich schon sehnsüchtig von Kumaris Familie erwartet werde. Dann heißt es erst mal umziehen, auspacken und einen Gang zum Strand hinunter. Die Wasserlinie ist an den Mauern und Häusern, die noch stehen, gut zu erkennen. Ich schaue in einen der Brunnen am Wegesrand, und schnell wende ich mich ab. Eine dunkelbraune Brühe... und diese stinkt fürchterlich.
Natürlich ist die Ankunft der „Sudu“ (Weiße) nicht unbemerkt geblieben, und so etwas wie Hoffnung glimmt in den dunklen Augen der Dorfbewohner auf. Ich sehe diverse Verbände und offene Wunden, an denen sich die zahlreichen Fliegen tummeln, bei Erwachsenen wie auch bei Kindern. In den großen Kinderaugen sehe ich die tiefe Traurigkeit, und ihr Anblick tut mir im Herzen weh...
Ich knipse die ersten Bilder und sehe die Menschen, die nichts mehr haben, auf der blanken Erde schlafen. Von den vielen Trümmerhaufen weht mir nun wieder dieser eigenartige Geruch von süßem und verfaulten entgegen. Ich gehe wieder zurück, nachdenklich und bedrückt und auch ein wenig müde, doch noch ist keine Schlafenszeit.
Nachdem Schuhe, Beine und Füße einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden sind, darf ich wieder ins Haus, in dem auch das Wasser gute 50cm gestanden hatte und hier und da noch beschädigt ist, betreten.

Ich hole Geld und ab geht’s zum Einkaufen. Wasser in Flaschen für mich zum Trinken ist schnell gefunden, noch gibt es alles zu kaufen, wenn auch um ein vielfaches teurer als sonst.
Wieder zurück schreibe ich noch schnell etwas für euch in mein Tagebuch, esse etwas zu Abend (es gibt Reis und Gemüse...) und falle dann ins Bett. Nun ja, nicht in ein Bett so wie wir es kennen, als Matratze gibt es nur eine 4cm starke Auflage aus Schaumstoff, aber mir ist dies im Moment egal, denn ich bin müde, hundemüde...
Gute Nacht.


Tag 3

Montag - 10.01.2005


09.00 Uhr Der Tag beginnt für mich. Ich habe relativ gut geschlafen, und nach dem Frühstück (Pumpernickel, Salami und Instandkaffee) geht es ab nach Bentota zu Sudith (ein weiterer guter Freund von uns).
Wir nehmen eine Straße ins Landesinnere, da die Küstenstraße „Galle Road“ um diese Zeit total verstopft ist. Es geht über kleine Anhöhen mit großen, wuchtigen Palmen und sattem Grün. Hier ist nichts vom Tsunami zu sehen, und ich bin auch froh darüber.

Bei Sudith angekommen, erwartet mich eine Überraschung, er kann laufen... mit Hilfe von Krücken. Ein Arzt hatte vor ein paar Tagen statt Knochenbrüche nur Knochenabsplitterungen diagnostiziert. Doch wie sollte jemand, der tagelang mit Schmerzen dalag, dies wissen ? Ein Problem war ja auch die schlechte Telefonverbindung in den vergangenen Tagen gewesen, die ja immer wieder abgerissen ist oder so schlecht war, das man kaum etwas verstanden hatte. Da die Einheimischen ja sonst keine westliche Medizin nehmen, schlagen sie hier auch viel besser an und so versorge ich ihn erst mal ausreichend aus meinen Beständen.
Das Wasser hat sich von seinem Grundstück verzogen, und Mitglieder seiner Familie helfen bei der Instandsetzung seines Hauses.
Es gibt ein großes Hallo bei meinem Erscheinen, und Chamond, Sudiths kleiner Sohn, fliegt in meine Arme. Er erzählt und erzählt, doch ich verstehe leider kein Wort, doch an der Reaktion der Anderen kann es sich nur darum handeln, das er einen Tag nach dem Tsunami im Vorgarten die angespülte Kinderleiche gefunden hatte. Tagelang hatte er damals kein Wort gesprochen. Wir trinken noch Tee miteinander, und nach und nach erzählen alle der Reihe nach, was sie so erlebt haben. Dann noch schnell ein Foto für euch...

Der Taxifahrer drängelt höflich, denn bald wird es dunkel werden, und einen TÜV für Autos gibt es hier nicht, außerdem habe ich noch etwas anderes vor. Ich drücke Sudith Geld in die Hand, für Nahrungsmittel, aber er lehnt ab. Er berichtet von Tempeln an der Straße in Richtung Galle, wo Leute wohnen, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Er meint, das diesen Leuten geholfen werden soll, und wir einigen uns darauf, Essen hier bei ihm zu Hause zu kochen und es ihnen mit dem Auto hinzubringen. Schon rast jemand los und besorgt Reis, Linsen, Kartoffeln und Trockenfisch. Alles zusammen reicht für gut 700 Essenspakete. Schon morgen sollen die Vorbereitungen dazu anfangen. Es hieß dann ‚Tschüß bis morgen’ und wir fahren wieder los.
Unterwegs das nun schon fast übliche Bild und in Beruwala wird es dann noch schlimmer. Doch wegen der Verkehrssituation bleibt nicht die Zeit anzuhalten, doch ein paar Bilder bekomme ich trotzdem. Riesige Fischerkutter liegen auf der Straße, und auch den nur wenig entfernten Bahnhof erkennt man als solchen kaum wieder. Fleißige Helfer haben bereits all den Schutt zur Seite geschoben, damit die zahlreichen Hilfslieferungen auch durchkommen.
Der nächste Ort sieht dann auch nicht besser aus, auch hier ist die maßlose Zerstörungswut des Wassers allgegenwärtig.

Wieder in Panadura brauche ich dringend eine Dusche. Brrr... Eiskaltes Wasser aus dem Brunnen, nur leider zum Trinken nicht geeignet für mich. Trinkwasser für die ganze Familie wird für morgen noch abgekocht, und ich erkläre kurz den Umgang mit den Wasserreinigungstabletten. Heute Abend gibt es, statt Reis und Curry, gekochtes Gemüse für mich. Wir sitzen dann noch ein wenig zusammen, und per SMS gibt’s von Steffan die neusten Nachrichten aus der Heimat und viele Grüße von den Mädels. Mir fallen die Augen schon fast zu, und ich sage dann, um halb 10 Gute Nacht, schon 10 min später liegen dann auch alle anderen im Bett.
In der Nacht werde ich durch die Rufe ‚Wasser kommt!!! Wasser kommt!!!’ aufgeschreckt. Kumaris Familie, die nun einschließlich mir 11 Leute zählt, ist schnell auf den Beinen. Doch Kumaris Papa, der sich schnell erkundigt hat, gibt schnell Entwarnung, und ich schlurfe wieder zu meinem Bettchen zurück. Meine letzten Gedanken: ‚Wenn ich den erwische... ‚


Tag 4

Dienstag - 11.01.2005


Als ich halb 8 aufwache, sagt mir Kumari, das der Bürgermeister des Ortes da gewesen war. Er ist aber wieder gegangen, da ich noch im Bett lag, er kam ja auch schon um 6 Uhr!!!
Das Frühstück steht schon auf dem Tisch, also ab zum Zähneputzen. Habt ihr das schon mal mit Sodawasser gemacht? Echt ekelig, sag ich euch, aber es geht nicht anders...
8.30 Uhr, der Bürgermeister steht wieder vor der Tür und schaut vorsichtig um die Ecke. Wie sich herausstellte, hat er zwar schon mal Weiße gesehen, aber er war ihnen noch nie so nah.
Ich versuche mein bestes Englisch, aber es klappt irgendwie gar net so richtig. Kumari wird daraufhin von mir als Dolmetscher auf Zeit angestellt. Ich deute auf die mitgebrachten Medikamente und Verbandsmaterialien und sein Gesicht erhellt sich. Er macht den Vorschlag, den größten Teil nach Panadura in Krankenhaus zu bringen, speziell auf der Kinderstation, denn dort würde selbst das Nötigste fehlen. Der dortige Chief - Inspector würde von ihm informiert werden und einen Termin setzen wir auch fest: Montag den 17.01.2005.

Es spricht sich schnell herum, das ich Medikamente mithabe und so stehen auch schon die ersten Leute vor Kumaris Tür, kurz nachdem der Bürgermeister weg ist. Ich frage, warum sie nicht ins Krankenhaus oder zu einem Arzt gehen, doch dort müssen sie bis zu 10 Stunden warten, weil es dort viel zu voll ist, außerdem gibt es keine Medikamente. Ich versorge sie nach bestem Gewissen und kurz vor dem Mittagessen komme ich mir vor, wie die Krankenschwester vom Dienst. Nebenbei lege ich noch eine neue Filmrolle in meine Kamera(*) ein, denn ich will euch ja weiterhin mit Fotos versorgen.
13 Uhr. Das Taxi ist wieder da und bringt uns zu Sudith. Seine Frau bringt etwas Tee, doch danach habe ich nur noch mehr Durst, denn heute sind es wieder 43 °C im Schatten. Zum zweiten Mal an diesem Tage wechsele ich heute mein T-Shirt. Danach geht’s wieder ins Taxi und wir fahren die Küstenstraße hinab, Richtung Galle. Wir fahren von der Hauptstraße ab und nach gut 500 Metern stehen wir vor einem Tempel. Ein Mönch kommt uns entgegen und begrüßt uns freundlich. Kumari und Sudith fragen den Mann, wie viele Leute hier leben.
500 sollen es sein, die in diesem und einem weiteren Tempel, den wir noch besuchen, unter den ärmlichsten Bedingungen leben.
Je weiter wir nach Süden kommen um so schlimmer wird das Ausmaß der Verwüstungen, es ist grauenhaft. Dann stehen wir auch schon vor dem nächsten Tempel. 200 weitere Menschen leben hier und auch sie werden morgen von uns mit Essenspaketen versorgt werden. Diverse Krankheiten sind hier aufgetreten, was mich bei den hier liegenden Müll- und Schuttbergen auch nicht wundert. Ich treffe auf Leute von den Maltesern und wir tauschen Erfahrungen aus.
Sie sprechen davon, das sie nicht sofort helfen werden, sondern ihre Hilfe wird längerfristig geplant. Heute waren sie nur hier um Daten zu sammeln. Innerlich schüttele ich den Kopf, was die Leute hier brauchen ist Nahrung und sauberes Wasser und das so schnell es geht.
Auch wissen sie so gut wie gar nichts von der Sozialsituation hier und ich leiste wiederum ein wenig Aufklärungsarbeit.. Doch so ganz nebenbei erfahre ich auch etwas ganz wichtiges: in Galle ist die Cholera ausgebrochen.
Wieder bei Sudith treffen wir die Vorbereitungen fürs große Kochen. Kartoffeln müssen geschält, und der Trockenfisch geputzt werden. Ich halte mich da lieber an die Kartoffeln und schäle wie ein Weltmeister. Die Frauen lachen und meinen, das ich eine gute Ehefrau sei... Sie werden schon recht haben. Der einzigste Lichtblick an diesem Tage ist, das meine Mom anruft. Ich rede mir alles von der Seele was mich bewegt, danach geht es mir wieder besser.
Dann folgt halt noch so allgemeines Gequatsche und von meinem Männe soll sie mir ausrichten, das mich die Mädels aus dem Chat herzlich grüßen lassen.
Ich freue mich darüber und als ich dann so gegen Mitternacht auf das einzigste Bett falle, denke ich ganz fest an sie. Ich vermisse sie unheimlich...

(* Ich habe eine herkömmliche Kamera mitgenommen, weil es hier für meinen digitalen Apparat keinen Strom gibt, um die Akkus zu laden. An dieser Stelle möchte ich meinem Schwiegervater Günter recht herzlich fürs ausleihen danken.)




Tag 5

Mittwoch - 12.01.2005


2 Uhr in der Nacht, der Koch ist da und das große Essenkochen beginnt. Ich bekomme, nach nur 2 Stunden Schlaf, einen dampfenden Becher in die Hand gedrückt und schnuppere vorsichtig daran, hmm... Kaffee, echter heißer Kaffee. Sudith zwinkert mir zu und meint, das dass noch vom letzten Paket aus Deutschland stamme. In danke meiner Mutter in Gedanken stumm und trinke vorsichtig den ersten Schluck. Der tut dann auch wahre Wunder, denn nach dieser Tasse sehe ich aus wie das blühende Leben selbst. Erstaunt sehe ich mich um, es werden immer mehr Leute die helfen und jeder von ihnen hat auch noch etwas an Nahrungsmitteln mitgebracht, was er gerade entbehren kann. Größtenteils ist es Obst, welches wir für die Kinder in kleine Stücke schneiden und in kleine Cellophantüten verpacken.
Dann geht es ans einpacken der Portionen.

712 Pakete à 1kg sind es dann insgesamt geworden, bestehend aus: Reis, Linsen, Kartoffeln, Trockenfisch und Salat, sowie 200 Obsttüten. Staunend sehe ich mir die großen Töpfe an, der Größte von ihnen misst 1,60m und der Kleinste 1,20m im Durchmesser. Dann werde ich von Kumari gerufen und stehe einem Kind gegenüber. Der Verband am Arm ist blutdurchdrängt und schmutzig. Vorsichtig löse ich die obere Schicht ab und werde ängstlich dabei beobachtet. Keiner sagt ein Wort und ich versuche mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Da die untere Schicht fest anklebt und ich nicht daran herumwerkeln, sondern das den Ärzten überlasse will, verbinde ich den Arm nur neu. Das kleine Mädchen begutachtet dann ihre Armschlaufe, die ich aus einem Dreieckstuch für sie gemacht habe. Dann lacht sie wieder und das ist wohl das schönste...

Die Leute sind hier alle sehr freundlich und nett, immer wieder höre ich „Suda“ und „Germany“, denn sie alle wissen aus den Nachrichten, das Deutschland hier sehr viel hilft.
Es ist kurz vor 10 Uhr, ich bekomme Frühstück (Reis mit Kartoffeln und 4 Scheiben Salami die ich ja mitgebracht hatte, die aber eigentlich für Sudhits Familie bestimmt ist) und dann geht es auch schon los. 2 kleine Busse stehen bereit und das Essen wird verladen.
In den Tempeln werden wir schon sehnsüchtig erwartet und dem einen Mönch überreiche ich noch 2 große Messer, um die er mich gestern gebeten hat. Zuerst bekommen die Kinder ihr Paket, dann die Erwachsenen. Ich werde an diesem Tage unzählige Male angefasst, man bedankt sich und spricht einen Segen aus. In Gedanken gebe ich all dies nach Deutschland weiter.

Beim letzten Tempel erlebe auch ich noch eine kleine Überraschung. Kaum lege ich mal Stift und Papier zur Seite, macht sich auch schon ein kleiner Hundewelpe daran zu schaffen
Der Hund, der jetzt in liebevollen kleinen Jungenhänden ist, trägt nun den Namen „Tolkien“, da er meinen Stift angeknabbert hat und noch keinen Namen hatte. Der Abschied naht, das restliche Essen ist verteilt und wir müssen weiter, denn ich habe noch etwas dringendes zu erledigen.

Weiter geht es Richtung Süden. Die Hauptstraße ist nur behelfsmäßig gemacht worden, denn das Wasser hatte sie an manchen Stellen komplett weggespült. So gegen eins halten wir an, bevor wir in die Stadt Galle fahren, wo ja die Cholera ausgebrochen ist, außerdem sei nach diversen Berichten noch Typhus im Umlauf. Wir machen eine kurze Pause und während die Anderen still und nachdenklich an einem relativ sauberen Platz ihr Essen verzehren, begnüge ich mich mit einer Flasche Wasser und dem Blick auf den Ozean, der ruhig vor mir liegt.
Dann fahren wir weiter. Unterwegs bekommen wir von einem Polizisten die Anweisung, nicht anzuhalten und auszusteigen, bis wir unseren Zielort erreicht haben. Der Polizist fügt noch traurig hinzu, das hier in der Region noch zehntausende von Leuten vermisst werden und kein Mensch weiß, was sich noch unter den großen Schuttbergen rechts und links der Straße befindet. Der Gestank, der nun mit dem Wind zu uns kommt, ist kaum auszuhalten. Süßlich faul dringt er mir in die Nase. Kumari muss sich übergeben, und auch mein Magen revoltiert. Gott sei Dank habe ich vorhin nichts gegessen. Unsere Fahrt verläuft jetzt sehr schweigsam...

Am frühen Nachmittag erreichen wir über etliche Umwege das staatlich geführte Kinderheim von Galle. Da es auf einem Berg liegt, hat es glücklicherweise nichts vom Tsunami abbekommen. Eine Klingel oder etwas ähnliches gibt es hier nicht und so trete ich durch die offene Tür ein. Eine Angestellte kommt aus einer anderen Tür und weicht vor uns zurück.
Nach kurzem Wortwechsel entspannt sich die Lage und wir werden zu Sita (eine schon etwas ältere Frau mit einem weichen gütigen Gesicht), der Leiterin, geführt. Sie ist sichtlich nervös, denn einen solchen Besuch hatte sie nicht erwartet. Ruhig erkläre ich ihr, warum ich sie aufsuche, das es da Schulen mit vielen Kindern in Berlin gibt, die gern helfen möchten, das es da auch einen ganzen Ort namens Freiburg an der Saale gibt und die alle zusammen die Patenschaft übernehmen möchten.

Sita möchte wissen, wie das alles zustande kam, und ich erzähle es von Anfang an. Ich schildere die Bemühungen der Familie Guderjahn und erzähle von Cathrin, der Lehrerin in Berlin. Sie steht auf und nimmt mich spontan in den Arm. Ich höre ein leises Weinen, dann wird eine der Schwestern gerufen. Diese bedeutet mir ihr zu folgen.

Als erstes bekomme ich das Säuglingszimmer zu sehen. Hier stehen 10 Bettchen und insgesamt liegen hier 16 kleine Babys. Teilweise sind sie nackt, denn es fehlt an allem.
Windeln gibt es auch nicht, die letzten sind vor 2 Wochen ausgegangen und für neue gibt es kein Geld. Die Bettchen sehen dementsprechend aus. Ich frage nach der ärztlichen Versorgung und bekomme zu hören, das ein mal pro Woche ein Kinderarzt hier vorbeikommt.
Auf einem Stück Papier mache ich mir eiligst eine Liste was alles fehlt und sie wird sehr lang. Eine Schwester ist für die 16 Winzlinge zuständig, ist sie mit dem letzten fertig, fängt sie beim ersten wieder an. Es gibt nur 2 Nuckelflaschen, Schnuller gibt es nicht, denn sie sind zu teuer und nicht selten sehe ich rötliche Daumen. Für menschliche Liebe und ein wenig Zuneigung ist hier wenig Zeit. Das angerührte Milchpulver reicht nicht für alle und wird so mit Wasser gestreckt.

Weiter geht es in den nächsten Raum. Hier sehe ich gar keine Betreuerin und ich komme mir vor wie im Gefängnis. Ganz Apathisch sitzen sie da, die Händchen ganz grün und dreckig von dem vielen Nässeflecken und Schimmelbildungen. Es gibt kein Spielzeug und raus dürfen sie nur, wenn die große Gruppe wieder drin ist. Diese besteht aus Kids von 3-5 Jahren.
Eine Betreuerin spielt Fingerspiele mit ihnen, auch taugt eine Tasse oder ein Stück Holz als Spielzeug. Mit soviel Elend hatte ich nicht gerechnet, und das wenige Spielzeug, das ich unterwegs erstanden habe, ist auch im Nu weg. Doch hier haben sie wenigstens etwas zum Anziehen, und ein Blick in die Kleiderkammer verrät mir, das alles Kleidung nur für ca. 3 Tage reicht. Wenn also nicht jeden Tag gewaschen wird, gibt es nichts mehr zum Anziehen. Mir reicht es, ich kann nicht mehr in diese großen Augen sehen, die einen voller Trauer anblicken.

Wieder werden wir zu Sita gebracht. Diese hat inzwischen die Adresse und die Telefonnummer des Heims aufgeschrieben. Ich frage nach der Anzahl der Kinder. Momentan leben hier 52 Kinder im Alter von 0-5, Anzahl steigend. Jedes 2. Kind ist ein Überlebender des Tsunami, dessen Eltern tot oder nicht auffindbar sind. Ich verabschiede mich von Sita, denn der Rückweg für uns wird lang. Ich mache noch außen ein paar Aufnahmen vom Gelände. Es sieht zwar gut erhalten aus, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht. Die Bausubstanz ist alles andere als gut, auch hier nagt der Zahn der Zeit und die Feuchtigkeit. Die Außenanlagen sind baufällig, wenn auch die Umgebung gepflegt wird. Der Spielplatz wird nicht genutzt, da Rost an allen Ecken und Enden blüht. Mit einem dicken Kloß in der Kehle steige ich wieder ins Auto und sehe zurück, hier braucht man wirklich Hilfe, und zwar schnell, schon der Kleinsten wegen...

Die Rückfahrt verläuft wieder sehr schweigsam, jeder ist in seinen eigenen Gedanken versunken. In Bentota fahren wir einen Umweg und treffen so ganz zufällig auf ein paar Leute vom THW. Einer von ihnen erkennt mich und Minuten später tauschen wir uns aus.
Dann lehrt sich unser Auto, wieder heißt es Abschied nehmen, vorerst, denn ich werde wiederkommen. Sudiths Familie winkt mir noch lange nach und ab geht’s nach Panadura, wo eine Dusche, frische Klamotten, was zu Essen und ein Telefonat mit meinem Mann auf mich wartet. Wir haben uns viel zu erzählen und total erschöpft falle ich gegen 23 Uhr aufs Bett. Schlafen...endlich schlafen....wenn da doch nur nicht diese verdammten Moskitos wären..







Tag 6

Donnerstag - 13.01.2005


Ich habe bis halb 11 geschlafen und wurde auch nur wach, weil ich ein Schnurren höre. Die Katze des Hauses beehrt mich mit ihrer Anwesendheit und gibt mir zu verstehen, das ich nun endlich aufstehen soll. Am Frühstückstisch fragt mich Kumaris Schwester Sissi allerhand Dinge über Deutschland. Sie soll heue Nachmittag in der notdürftig hergestellten Schule einen Vortrag halten. Ich antworte ihr so gut es geht, ihre Bitte sie zu begleiten lehne ich aber ab. Dann mache ich etwas ganz normales, nämlich Wäsche waschen und das ist mit kaltem Wasser gar nicht so einfach, aber ein Waschmittel aus der Tube macht es möglich. Eine Waschmaschine gibt es hier leider nicht, also alles Handarbeit.

12 Uhr Mittagessen (gekochtes Gemüse für mich), danach ein wenig Reden mit den Anwohnern. Da auch hier die Zeit nicht stehen bleibt und das Leben weitergeht, werde ich zu einer Hochzeit eingeladen. Dazu muss man folgendes wissen: Die Ehepartner werden von den Eltern ausgesucht und dann wird nach dem Horoskop der günstigste Termin für die Eheschließung festgelegt. Diesen Termin zu verlegen ist nicht möglich!!! Da ich nicht auf solch ein Fest vorbereitet bin, muss ich mir erst mal ein Paar Schuhe und eine halbwegs passende Bluse besorgen, was gar nicht so einfach ist, denn der Größendurchschnitt liegt hier bei 36/38. Aber, Glück muss der Mensch haben.

Unterwegs besorge ich auch noch gleich etwas Huhn und Obst für das Abendessen. Ich gucke Kumaris Mama über die Schulter, wie sie über offenem Feuer in einem Tontopf den Reis kocht. Als alles fertig ist, füllt sie ein wenig Essen in eine kleine Schale und geht damit weg. Neugierig, wie ich nun mal bin, folge ich ihr. Der unweit gelegene Friedhof ist ihr Ziel. Dort lebt seit dem Tsunami ein Mann, der keine Behausung mehr hat. Er schläft vor dem großen Krematoriumsofen und nun sehe ich auch, das er blind ist.

Kumari klärt mich dann später auf, das er bei dem Wasser nicht nur sein Heim, sondern auch seine ganze Familie und sein Augenlicht verloren hat. Anwohner aus der Nachbarschaft geben ihm von dem wenigen ab, was sie selber besitzen... Ich überlege wie ich helfen kann, doch der Mann hat seinen Lebenswillen verloren, denn er ist allein, ganz allein. Am Abend dann schreibe ich noch ein paar SMS nach Deutschland, ich denke sehr viel an meine und Steffans Familie und frage mich, wie es meinem kleinen Neffen wohl so geht. Ich vermisse meinen Mann hier sehr...



Tag 7

Freitag - 14.01.2005


Sieben Uhr aufsehen, und duschen, brr... wieder kaltes Wasser. Da das Frühstück noch nicht fertig ist und ich in der Küche nichts helfen darf, da ich ja Gast bin, gehe ich mit Kumari runter zum Strand. Noch ist es in der Sonne erträglich und ich finde die Strandwächter bei ihrer so alltäglich gewordenen Arbeit vor; Strand säubern.
Hier findet man alles im Sand, alles das, was aus den Häusern rausgespült wurde und nun fast meterweit unter dem Sand verschüttet ist. Weiträumig haben sie ein Areal von etwas 20m Länge und ca. 10m Breite abgesteckt, halt jeden Tag ein Stückchen. Doch das, was sie finden, ist manchmal auch recht grauenhaft...

Heute ist ja die Hochzeit. Ich sag euch, so ein Gewusel von Röcken, Blusen, Saris, Hemden und Sarongs habe ich noch nirgendwo gesehen. Halb zehn steht das Taxi vor der Türe und ich frage mich, wo dort zwölf Leute plus Fahrer unterkommen sollen, denn es ist ja nur ein Kleinbus. Aber es geht, irgendwie...

Im Hotel wird erst mal gestaunt was das Zeug hält, denn eine Weiße haben die wenigsten bisher gesehen. Die Zeremonie dauert cirka eine halbe Stunde, dann wird etwas zum trinken (leider nur Limonade) ausgeteilt und das Brautpaar geht von Tisch zu Tisch und holt sich den Segen der Familienmitglieder ab. Ja, auch meiner ist hier gefragt...
Danach geht es etwas zwangloser zu. Die Getränke wechseln und da die meisten meinen, das wir Deutsche nur Bier trinken, steht schon kurz darauf eine solche Flasche vor mir. Da sieht man mal wieder was wir in der Welt für einen Ruf haben!!! Zwölf Uhr gibt’s Mittagessen, mein Gott ist das scharf. Doch das witzigste ist, das man für mich erst mal Besteck suchen gehen muss, denn es ist ein rein einheimisches Hotel, also ohne solche Gerätschaften. Das Essen zieht sich bis etwa fünfzehn Uhr hin, dann ist alles vorbei und es geht wieder nach Hause. Ich bin auch froh, das ich dort wieder angekommen bin, denn es war doch arg stickig und sehr warm dort drin gewesen.

Am Abend drehe ich eine Runde durchs Dorf, der Bürgermeister begleitet mich. Hier und da führen wir einige Gespräche, die Leute erzählen uns von ihren Nöten und Sorgen, gerade die, die alles verloren haben, sehen keinen Sinn mehr im Weiterleben. Sie schlafen meistens da, wo gerade Platz ist und wenn es nur der Straßenrand ist. Das Schlimmste jedoch für die Leute hier ist, das über die Hälfte der Brunnen verschmutzt ist, sein es durch Salzwasser, Unrat oder tote Tiere. In einem schwimmt sogar eine Meeresschildkröte, die dort wohl verenden wird, da sie kein Mensch herausheben kann, weil der Schacht zu tief ist. Die Stadt Galle ist auch ein hochbrisantes Thema, denn von dort hört man schlimme Dinge, vor allem über die ausgebrochenen Seuchen, doch genaueres weiß auch hier keiner, denn die Fernsehsender schweigen darüber. Kumaris Bruder hat indes die ersten zwei vollen Filme zum Entwickeln gebracht, in zwei Tagen kann ich die Bilder holen. Ich habe neue Filme bestellt, bin mal gespannt, wie lange es dauert ehe ich sie habe. Vorerst nun keine Bilder mehr...

Ein Hilferuf aus Galle erreicht mich dann noch. Die Leute vom THW, mit denen ich ja hergeflogen bin, haben arge Verständigungsprobleme mit der einheimischen Bevölkerung.
Gerade bei der medizinischen Betreuung ist es am schlimmsten und ich werde gefragt, ob ich eine Lösung weiß. Ich verspreche zurückzurufen, dann lege ich auf. Danach telefoniere ich mit unserem Reiseleiter, den wir bei unseren bisherigen Urlauben hier immer gehabt haben.
Der wiederum spricht mit seinen Kollegen und richtet eine Art Dolmetscher-Vermittlung ein. Ich rufe den Arzt vom THW zurück und gebe ihm die Nummer. Der verspricht mir das Blaue vom Himmel und bedankt sich herzlichst. Wieder eine gute Tat vollbracht...
Halb neun gibt’s ein etwas mageres Abendessen (gedünstetes Gemüse), denn ich habe noch immer vom Mittag den Magen voll (das Essen dort war wirklich gut!) Anschließend gönne ich mir einen Whiskey, denn zu viele Bilder kommen mir immer wieder hoch und die meisten von ihnen sind nicht schön anzusehen. Halb zehn liege ich dann im Bett und denke an die vielen lieben Leute zu Hause.

Tag 8

Samstag - 15.01.2005


Am frühen Morgen kommt mich erneut der Bürgermeister besuchen. Er hat nun endgültig einen Termin ausgemacht, wann wir ins Krankenhaus nach Panadura fahren. Am Montag soll es dann so weit sein, zwölf Uhr in der Kinderabteilung. Dort werde ich dann die mitgebrachten und von euch gespendeten Arzneimittel und Verbandsmaterialien überreichen. Was ich noch so ganz nebenbei erfahre, ist, das auch die Presse und das Fernsehen geladen worden sind und die ihr Erscheinen schon schriftlich bestätigt haben. OHA..., ich im Fernsehen und in der Zeitung, hoffentlich platzt da mal nicht die Linse... *ggg*
Ich fahre ein wenig umher, denn ich will mal sehen, wie es in den anderen kleineren Orten um mich herum aussieht. Auch hier ist von der großen Internationalen Hilfe nichts zu spüren. Die Dörfer wurden schlichtweg vergessen und müssen selber zusehen, wie sie zu Rande kommen, es geht, wenn auch mehr schlecht als recht. Die Leute waren schon immer nicht sehr gut genährt gewesen, doch jetzt sehe ich deutlich die ersten Spuren von einer beginnenden Hungersnot. Ich bin ratlos, wo nur soll man hier anfangen zu helfen? Es ist ein Fass ohne Boden...

Auf dem Rückweg werde ich eifrig von einem Boy herbei gewunken, denn die Bilder sind doch schon fertig. Der Preis ist etwas höher als bei uns, es ist halt ein Luxusgut hier... Nächste Station ist ein kleiner unscheinbarer Laden, doch ich habe hier eine Wäscheleine und Klammern entdeckt. Gott, wie vermisse ich meine Waschmaschine...
Da ich nun so langsam keinen Reis mehr sehen kann, werde ich heute das Abendessen kochen. Ich stelle mir Nudeln mit Tomatensauce vor und schon unterwegs tropft mir der Zahn gewaltig. In einem weiteren Geschäft erstehe ich Nudeln, Ketchup und ein paar Hühnerwürstchen, Hackfleisch ist hier leider unbekannt. Ich erkenne meine Gastfamilie kaum wieder, es wird gefuttert ohne Ende und zu guter letzt ist mein Nachschlag hinüber und ein kleines ungefülltes Loch im Magen bleibt zurück. Aber im nachhinein sage ich mir, das es mir immer noch am besten von allen geht, und gönne letztendlich Kumari meine Portion, den sie sichtlich genüsslich verspeist. Danach wird noch in der Familie diskutiert, wie man ein paar Familien helfen kann, die hier im Ort wohnen. Uns fallen viele Dinge ein, und schnell wird alles aufgelistet. Ein Boy bringt am späten Abend noch einen der von mir bestellten Filme vorbei, mehr sei vorerst nicht zu bekommen, wie er sagt. Leider hat dieser nur 12 Bilder...
Am späten Abend dann telefoniere ich noch mit meinem Männe und beantworte noch ein paar SMS von verschiedenen Mädels. Danach ist Schlafenszeit...

Tag 9

Sonntag - 16.01.2005


Nach dem Frühstück fährt Kumaris kleinerer Bruder los und holt verschiedene Preise für Töpfe und Schüsseln, Milchpulver, Reis, Zucker und Linsen. Da es 75 Familien sind, die alles verloren haben hier im Ort, brauchen wir natürlich auch alles dementsprechend. Nachdem alles ausgerechnet ist, komme ich auf etwa 5-6,- € / Familie, für uns nicht sehr viel, doch hier schon. Gegen Mittag sind wir uns einig und die Bestellungen in den verschiedenen Läden werden aufgegeben. Am Dienstag kann ich alles abholen.
Nach dem Essen sortiere ich noch ein wenig in den Medikamenten hin und her, ich lasse hier, was ich so für die Kids brauche, vor allem Pflaster und Binden, Kohletabletten, Vitamine und Wasserreinigungstabletten. Morgen geht dann der Rest ins Krankenhaus. Nebenher verarzte ich noch ein paar der kleineren Patienten. Angst sehe ich nicht in ihrem Blick, dafür aber, wie sie ganz angestrengt auf die Tüte Bonbons schauen, wovon sie dann immer eines bekommen, weil sie so tapfer sind.
Etwas spät bemerke ich das Besuch da ist. Danach werde ich Zeuge wie eine Ehe in die Wege geleitet wird. Ein junger Mann hat Interesse an Kumaris Schwester bekundet und schickt seine Mutter vor, zu fragen, ob wir nicht auf einen Tee zu ihnen kommen wollen in den nächsten Tagen. Nun ja, die Einladung steht und ich werde euch weiter berichten, was daraus wird...
Am Abend dann bittet mich der Bürgermeister mit ihm zu kommen. Kumari lächelt nur still vor sich hin und ich werde neugierig. Ich sehe Menschen um mich herum und als ich durch sie hindurch gehe, werde ich Zeuge wie das erste Haus (nun ja, kein Haus in unserem Sinne), eingeweiht wird. Ein Mönch spendet den Segen Buddhas, der Bürgermeister den Segen des Staates und den Segen der anwesenden Menschen. Es war sehr ergreifend und eine einzelne Träne von mir landete auf der Türschwelle des neuen Heimes.
Da die Nahrungsmittel eh sehr knapp sind, verzichte ich dankend aufs Essen, und das, obwohl mir der Magen doch recht laut knurrt. Ich verziehe mich etwas aus dem Tumult und sehe von fern zu. Ich frage mich, wie die Menschen das alles ertragen können, was sie dazu veranlasst, hier weiterhin wohnen zu wollen, obwohl ihnen das Meer alles genommen hat, denn in dem neuen Haus zum Beispiel, wird das Kinderzimmer leer bleiben, vorerst, denn die Familie möchte ein weiteres Kind haben, obwohl ihnen das Meer eines genommen hat. Dann ist es auch schon Nacht und das Gähnen kann ich nun nicht mehr unterdrücken...


Tag 10

Montag - 17.01.2005


Heute ist ein sehr aufregender Tag für mich, da ich heute ins nahe gelegenen Krankenhaus eingeladen werde um die Spenden für die Kinder zu übergeben. Punkt zwölf Uhr steht das Taxi vor der Türe und die Kisten und Taschen werden verladen. Kumari neben mir ist ganz aufgeregt und Nuwan, ihr Bruder, begleitet uns um Bilder zu knipsen, damit ihr auch daran teilhaben könnt. In rasanter Fahrt geht’s nach Panadura und schon bei der Ankunft sehe ich viele Reporter. Der Chefarzt empfängt mich freundlich und führt mich ein wenig durch die Kinderstation. Dort besuche ich die kleinsten der Tsunami Opfer. Die Verletzungen sind mannigfaltig, es fängt bei Atemproblemen an, geht über die verschiedensten offenen Wunden, bis hin zu Knochenbrüchen und Amputationen. Die Kleinen sehen mich mit großen Augen an, doch ihr Blick ist stumpf.
Die immerwährende Angst vor den Ärzten macht ihnen zu schaffen, so auch bei einem kleinen Jungen (6J.), der plötzlich anfängt zu schreien. Ich frage nach und was ich erfahre, lässt mich die Nackenhaare in die Höhe schnellen. Der Junge hat auf dem Rücken eine offenen Wunde, die etwa 10 x 15 cm misst. Die Flutwelle hat ihn gegen eine Palme geschleudert, und dort hat er sich dann die Haut herunter geschabt. Eine Schwester kommt mit einer braunen Flasche, Jod ist darin, reines Jod. Der Junge wird auf dem Bauch gelegt, der alte Verband wird entfernt. Schon das war die Hölle und ich sage laut „Halt“.
Der Chefarzt sieht mich erstaunt an und ich trage Kumari auf, mir die Betaisodona Salbe aus dem einen Koffer zu holen. Ich gebe sie der Schwester und die tut sie nach meinen Anweisungen auf einen neuen Verband. Der Junge sieht zu und schreit dann nicht mehr, er ist eher erleichtert das es nicht weh tut, als das Mullstück dann auf seiner Wunde liegt. Der Chefarzt sagt nur: „Davon hätte ich gern einen ganzen LKW von...“ Das KKH ist eines der ärmsten in der Region.
Dann geht es in einen extra Raum und ich werde gebeten Platz zu nehmen. BBC und die Daily News erspähe ich unter den zahlreichen Reporter, die mich fragend ansehen. Dahinter zahlreiche Fernsehleute und Reporter von kleineren Anstalten. Dann beginnt der Rummel...
Kumari stellt mir nacheinander die einzelnen Herren in der Runde vor. Da waren dann also: der stellvertretende Gesundheitsminister von Sri Lanka, der Klinikchef, der Distriktchef und die beiden schon bekannten Leute: der Chefarzt und der Bürgermeister. Der stellv. Gesundheitsminister hält eine kurze Rede, sowie auch die anderen Männer. Kumari übersetzt mir alles ganz leise, es geht um die Beziehung zu Deutschland im allgemeinen, das Spendenvolumen der Deutschen, die eingeflogene Hilfe usw. Dann bedankt er sich bei mir und bittet mich, ein paar Worte zu sagen. Ich berichte von Mels Seite, dem Spendenaufruf und die vielen bei mir eingegangenen Sachen, sei es nun Geld oder Naturalien gewesen. Ich erzähle auch von der großen Hilfsbereitschaft, von Freunden, Verwandten und Bekannten. Dann richtet die BBC eine Frage an mich, doch es war noch lange nicht die letzte.
Ich antworte ruhig und äußerlich gelassen (innerlich würde ich am liebsten davon laufen). Die Homepage von Mel war dabei ein zentrales Thema.

Dann werden noch ein paar Bilder gemacht, die Sachen anschließend übergeben und eine Tasse Tee soll ich dann noch mit dem Minister trinken. Dieser muss jedoch weiter nach Galle. Ich beneide den Mann nicht um seinen Job. In der Zwischenzeit wurde die Presse hinaus komplementiert und es ist angefangen worden, die Taschen und Kisten auszupacken. Der Wert wird ermittelt, gut 2500,- € sind es. Die Sachen werden katalogisiert und bei manchem wird noch mal nachgefragt, wozu es sei, denn die meisten Sachen sind ja doch in deutsch geschrieben. Gut 6 Stunden waren wir jetzt hier und ich war durchgeschwitzt von oben bis unten und ich will hier nur noch raus. Ich erhalte noch eine Bescheinigung, dann bin ich entlassen mit den besten Wünschen für mich und allen fleißigen Spendern, sowie Mels Seite.
Abends um halb 7 haben wir es noch immer 48 Crad und es dunkelt bereits. Da ich noch nicht so viel getrunken habe, merke ich die Hitze um so mehr und meinen Kreislauf noch dazu. Wir werden wieder nach Hause gebracht und dort mit fragenden Blicken empfangen. Erst eine Dusche, dann etwas gekochtes Gemüse als Abendessen, noch ein wenig Schwatzen und Gedanken austauschen und dann ab ins Bett, ich kann nicht mehr...
(Ich muss feststellen, das meine Schlafanzughose rutscht. Welch Seltenheit!!!)


Tag 11

Dienstag - 18.01.2005


Der erste Weg nach dem Frühstück geht heute zur Bank. Ich muss dringend Geld tauschen und die Öffnungszeiten sind alles andere als kundenfreundlich. Mit über 50.000 RS (ca. 500€) geht’s ab zum Markt. Die Preise für Schüsseln und Töpfe, Reis und andere Nahrungsmittel kenne ich fast auswendig und so rausche ich gleich bei den Händlern rein.
Die meisten geben noch etwas dazu, denn es hat sich herumgesprochen, das Preise eingeholt worden sind, um den Opfern zu helfen. Die Gaben beschränken sich nicht nur auf Reis und Milchpulver, sondern auch ganz normale Gegenstände des täglichen Lebens (Zahnbürsten, Handseife, Waschlappen, usw.) landen in dem riesen Einkaufskorb, der in dem Fall ein Traktor mit Hänger ist. Nach gut 4 Stunden ist alles drin und ich fix und alle.
Um 13 Uhr haben wir es fast 50 Crad, selbst die Singhalesen sprechen von einem neuen Rekord. Gut 10 Crad kälter ist es bei Kumari zu Haus auf dem Fußboden, wo dann alles abgewogen und einzeln verpackt wird. Pro Familie sind das in etwa: 2 kg Reis, ½ kg Zucker, ½ kg Linsen, 200 g Milchpulver, 1 Riegel Traubenzucker (ersatzweise auch Energieriegel und Früchte-/Müsliriegel). Dazu kommen noch: 1 Reistopf, 2 Gemüsetöpfe (alles aus Ton), eine große und eine kleine Aluminiumschüssel und 2 Kellen. Das ist das absolute Minimum an Haushaltsgegenständen einer Familie. Kumaris Familie, sowie noch 2 Freunde von Kumaris Bruder Nuwan, helfen fleißig mit und packen 75 Pakete zusammen, morgen Abend dann ist die Übergabe. Bis zum Abendessen ist alles fertig und ich ein weiteres Mal reif für die Dusche.
Nach dem Essen machen wir noch einen Besuch bei einer kleinen Familie. Am Tsunami Tag erblickte hier ein kleines Mädchen das Licht der Welt. Ich habe eine Tüte Milchpulver und einen Stange Traubenzucker für die Kleine dabei, welches dankbar angenommen wir. Danach geht es auch schon wieder zurück...
Das Thermometer zeigt nun nur noch 34 Crad an und so gegen elf husche ich ins Bett, denn die Anderen schlafen schon längst...




Tag 12

Mittwoch - 19.01.2005


Ich lasse den heutigen Tag ganz langsam anlaufen, denn er wird noch stressig genug.
Auch wenn ich nun schon fast 2 Wochen hier bin, macht mir das Klima noch immer zu schaffen. Die Hitze ist fast unerträglich und bei einem Trinkwasserbedarf von gut 8 Litern am Tag könnt ihr euch sicher vorstellen, wie es mir geht. Ich habe mir in der Zwischenzeit auch angewöhnt, meine T-Shirts nicht mehr 2 mal am Tag zu wechseln, denn wie gesagt, hier gibt es keine Waschmaschine und auch keine Reinigung. Mein Wasserbedarf wird nun schon kritisch, denn es wird immer schwerer an Mineralwasser oder Sodawasser zukommen, denn auch die anderen Organisationen füllen ihre Bestände in den “weniger betroffenen Gebieten“ auf. Dagegen sind Coke, Sprite oder auch Fanta kein Problem, doch auf die Dauer kann man dieses süße Zeug einfach nicht trinken, man denkt, die Zunge klebt einem am Gaumen fest.
Heute Morgen zum Beispiel habe ich mir mit Sprite die Zähne geputzt, ich sag euch, das war nicht gerade angenehm und geschmeckt hat es einfach nur eklig. Da muss ich mir dringend was einfallen lassen...

Doch nun zu den größeren Dingen des Alltags. Während Kumari und Nuwan kleine Zettel schreiben, mit Familiennamen der betroffenen und einer laufenden Nummer drauf und auch meiner Unterschrift (damit keiner sie fälschen kann, Betrüger gibt’s schließlich überall), bekomme ich Besuch. Eine Frau mit ihrer kleinen Tochter ist da und schnell habe ich das Fieberthermometer gezückt, doch Entwarnung, es sah nur so aus und die Kleine ist Fieber frei. Als sie gehen, bringt mir Kumaris Mama mein Frühstück und streicht mir liebevoll über den Rücken. Wenn wir auch aus unterschiedlichen Ländern kommen, so verstehen wir uns doch manchmal nur mit einem Blick oder mit einer einzigen Berührung.
Die anderen Beiden machen sich dann auf, um die Zettel zu verteilen, auch Papa wird mit eingebunden, er muss die weiter entfernten besuchen fahren, denn er hat als einzigster ein gängiges Fahrrad. Ich hingegen halte die übliche „Sprechstunde“ ab und verarzte die Kleinsten. Die Wunden heilen schlechter als bei uns, denn das Klima macht mir bei vielem einen dicken Strich durch die Rechnung.
Selbst die kleineren Sachen wie zum Beispiel, das hier kein braunes Pflaster klebt oder die vielen Fliegen, die sich immer wieder auf die Wunden setzen und teilweise ihre Eier darin ablegen, bringen mich manchmal zur Verzweiflung. Doch das nur am Rande...
Die 18 Uhr Marke rückt immer näher und ich werde nervös wie ein Schulkind vor einem Aufsatz. Während ich mit dem Bürgermeister ein Schwätzchen halte, bereiten die anderen fleißigen Helfer alles vor. Da wird getragen und geschleppt, gestapelt und nachgezählt. Die ersten Leute sind bereits da und schauen über den Gartenzaun, denn wir haben natürlich nicht verraten was es heute gibt.
Ich stehe dann einfach nur in der kleinen Tür des Zaunes da und beobachte die Leutchen. Doch dann fängt es an zu regnen und schließlich geht ein ganzer Wolkenbruch herunter. Doch die Menschen stehen geduldig da und warten und es werden stetig mehr. Es traut sich jedoch keiner herein, ob sie wohl Angst vor mir haben? Kumari lacht bei der Vorstellung, sagt jedoch, das es gut möglich sei. Auch die Presse lässt es sich nicht nehmen vorbei zu schauen und Punkt 18 Uhr bitte ich die Leute herein und gehe selbst auf meinen Platz. Doch die Menschen kommen nur zögerlich und ein erwachsener (!!!) Mann fragt schließlich, ob die „Sudu“ ihm auch nichts tut. Ich schüttle nur den Kopf, die anderen um mich herum lachen auf. Eine junge Frau macht dann den Anfang und das erste Bild wird geknipst, welches dann auch in der Zeitung erscheint. (Die Linse ist ganz geblieben * lol *) Dann geht es Schlag auf Schlag, der letzte geht dann selig mit seinen neuen Sachen so gegen halb 11 heim.
Kumaris Mama, die noch immer für die ganz Armen kocht und auch das Wasser für die Kinder im Dorf abkocht, bekommt von mir einen ganz großen (eher ist das hier noch das Mittelmaß) Kochtopf. So kann sie gut 25 Liter mit einem Mal abkochen.
Was mir inzwischen bewusst geworden ist, war, was die Menschen eigentlich noch alles eingebüßt haben. Zum Beispiel: ihren Stolz, denn die meisten haben sich die Sachen, die sie heute Abend am Leibe trugen, extra aus der Nachbarschaft geborgt und auch ich wurde gefragt, ob ich denn meine Kleidung wieder mitnehmen oder ob ich sie dalassen würde.
Mitnehmen kommt natürlich nicht in Frage, denn der hier herrschende Geruch haftet trotz waschen in ihnen fest. Also werde ich alles, aber auch alles, außer den Sachen, die ich auf dem Heimflug anhaben werde (die Sachen wurden nach Ankunft gewaschen und luftdicht verpackt!!!) hier lassen.

Nach ein wenig Aufräumarbeiten geht’s dann unter die Dusche, wo ich von einer handgroßen dicken fetten Spinne begrüßt werde. Nachdem Papa rann musste, um das Ding einzufangen und nach draußen zu befördern (Tiere werden hier nicht getötet wegen der Wiedergeburt, Ausnahme: Moskitos), kann ich endlich duschen und dann ins Bett fallen. Dabei fällt mir ein, das ich heute gar nicht aufs Thermometer gesehen habe, egal, es war wie immer heiß, nicht mal der Regen hat eine Abkühlung gebracht.


Tag 13

Donnerstag - 20.01.2005


Wie an manchen Tagen zuvor, so gehe ich auch heute früh, noch vor dem Frühstück zum Strand hinunter. Da es ja gestern heftig geregnet hatte und es in der Nacht recht windig war, wurde allerhand Treibgut an den Strand gespült. Doch nicht nur das wurde gefunden...
Da mein Magen heute morgen etwas revoltiert, belasse ich es bei einer Tasse Tee, außerdem stelle ich fest, das mir meine Hose (obwohl sie einen Gummizug hat) rutscht. Da ich etwas Ablenkung gut vertragen kann, mache ich einen kleinen Spaziergang und schaue mich mal ein wenig um. Stolz zeigen mir die Anwohner ihre neuen Holzhütten. Diese wurden schnell zusammengezimmert (es gibt nun schon ein paar mehr, als ein paar Tage zuvor) und waren alles andere als wohnenswert. Doch die Regenzeit nahte mit großen Schritten, dann lieber so, als den ganzen Tag im nassen zu liegen.
Heute lasse ich auch wieder zwei Filme (immer nur mit ein paar Bildern drauf, meistens sind nur 6er Filme zu bekommen, nun wieder alle voll..) von Nuwan wegbringen, die ich dann schon morgen wieder abholen kann. Stolz zeigt er mir, das er 2 Literflaschen Soda für mich ergattert hatte, ich bin sprachlos, denn mittlerweile gibt es kein Wasser in Flaschen mehr zu kaufen, aber ich frage ihn erst gar nicht danach. Der Bürgermeister, dem ich meine Not Tags zuvor erklärt hatte, bringt dann am Abend 15 Liter Mineralwasser vorbei. Woher er das hat, weiß ich nicht, er sagt es auch nicht, doch für mich sind wieder 2 Tage gerettet.
Der Nachmittag ist dann mit Hausbesuchen gefüllt, denn es gibt auch Verwundete, die zu Hause liegen und nicht gehen können. Hier ein wenig Salbe, dort eine Schmerztablette, ein paar Pflaster auf fast verheilte Wunden, einen frischen Verband auf eine lange Naht am Arm.
Leider kann ich nicht so viel tun, doch den meisten reicht schon das zur Routine gewordene Bonbon, welches es danach immer gibt.
Ein Sturz vom Fahrrad kommt heute noch hinzu, der aber mit 2 Pflaster schnell verarztet ist. Die Kinder sagen nun „Suduant“ zu mir, was weiße Tante heißt und mit einem feuchten Küsschen werde ich verabschiedet. Dann noch ein kleiner Abstecher zu der Frau mit dem kleinen Baby. Für sie habe ich ein paar Packungen Milchpulver und 2 Riegel Traubenzucker.
Dann ist es auch schon wieder später Abend...

Mit Stand von heute, zähle ich 278 Moskitostiche, und ich hoffe inständig, das kein einziger Moskito davon Malaria hatte.

Tag 14

Freitag - 21.01.2005


So, heute mache ich mal was ganz anderes, etwas, was auch den Anderen zu gute kommt, nämlich einkaufen gehen. Wieder geht der erste Weg zur Bank, dann geht’s zum Markt. Ich erstehe ein paar Flaschen Wasser (ich komme mir vor wie auf dem Schwarzmarkt!) und auch ein kleines Brot (welch Seltenheit, der Bäcker hat sonst ausschließlich nur an Hotels geliefert, die es nun aber nicht mehr gibt), und Gemüse, welches ich auch kenne, denn manchmal überlege ich echt, was die Leute da so eigentlich an Grünzeug, das aussieht wie Unkraut aus dem Garten, essen. Reis, Gewürze und Tee stehen auch noch auf dem Zettel, den ich von Mama bekomme habe. Feilschen kann ich nun schon recht gut und die einheimischen Preise sind mir nun auch geläufig, was natürlich die Händler ärgert.
Dann geht’s ab zum Fotoladen und dort werden dann die Bilder gleich mal durchgesehen. Danach wird der Zeitungsstand geplündert, ich bekomme sogar ne Bild, die allerdings schon 2 Tage alt ist, aber sei’s drum. Zu Hause gehen dann die Bilder durch die Hände der Anderen, und ich denke so bei mir, das man Leid, Not und Armut nur wirklich fühlen und nachvollziehen kann, wenn man sie mit eigenen Augen gesehen hat. Diese Bilder werden wohl ewig in meinem Gehirn umhergeistern und es gibt manchmal Nächte, in denen ich schweißgebadet aus wirren Träumen aufwache.
Nach dem Abendessen dann besprechen wir den morgigen Tag, an dem ich mal wieder verreisen werde. Ein Ehepaar aus Dresden hat über zahlreiche Umwege erfahren, das ich in einer Gegend bin, wo sie ein kleines Mädchen haben, das sie ein wenig aus ihrer schmalen Rentenkasse unterstützen. Sie bitten mich, nach ihr zu schauen.
Ich erkläre mich einverstanden und beziehe es in meine Reiseplanung mit ein. Der Ort liegt etwa 20 km weit von hier weg, mit dem Taxi werde ich gut eine ¾ Stunde brauchen, da die Straßen im Hinterland teilweise noch immer nicht befahrbar sind. Das Taxi wird bestellt und eine Liste wird gemacht, bei wem ich noch vorbeischauen muss, um schon mal bye bye zu sagen. Die Liste wird lang, sehr lang...

Tag 15

Samstag - 22.01.2005


Nach einem recht ausgiebigen Frühstück (1 Scheibe Pumpernickel, etwas Margarine und einem winzigen Klecks Marmelade) beginne ich die bereitgelegten Sachen in meinem Rucksack zu verstauen. Es ist erst 8 Uhr, aber das Thermometer steht schon wieder (oder immer noch?) auf 38 Crad.
Als erstes wandern 4 Literflaschen Wasser hinein, dann mein ständiger Begleiter der Fotoapparat, eine Stange Traubenzucker nur so als Vorsorge und ganz wichtig, die Sonnenbrille. Da ich ein Mensch bin, der von Sonnenbränden generell verschont bleibt, egal wohin ich reise, bleibt mir das herumschleppen von Sonnencreme erspart. Geschlossene Schuhe sind ein Muss, denn man weiß ja nie, wohin es einen verschlägt oder wo hinein man tritt. Nägel, Scherben, Messer und ähnliche Teile liegen überall verstreut umher, selbst der Strand ist damit voll. Dann natürlich ein T-Shirt, viele von euch fragen sich bestimmt, warum hat sie denn nichts ärmelloses angezogen, wo es doch so warm ist?
Ganz einfach, da noch überall Wasserpfützen bzw. neu entstandene Wasserflächen stehen, sind dort ganz besonderst viele Moskitos oder auch andere nette Tierchen, die, wenn man von ihnen gestochen wird, ein lebenslanges Andenken hinterlassen und darauf bin ich nun nicht gerade scharf.

Dann geht’s los, denn das Taxi (ohne Klimaanlage, wie immer!!!) wartet bereits. Zuerst will ich versuchen, etwas über das Mädchen zu erfahren, das in Wadduwa leben soll (oder gelebt hat?) wie ich von den Dresdnern erfahren habe. Das Mädchen heißt Saseka und wohnt nahe am Strand in einen der unzähligen Slums. Die Männer, also Nuwan und der befreundete Taxifahrer steigen aus und erkundigen sich nach ihr. Große Erleichterung, denn sie lebt noch, ist aber momentan nicht da, sie ist in der Schule zu Aufräumarbeiten eingeteilt. So gegen 6 heute Abend soll sie wieder da sein.

Na gut, dann fahren wir erst mal nach Aluthgama. Entlang der Küstenstraße (Galle Road) wird fleißig gearbeitet, denn die Einheimischen wollen ihr Land wieder so haben, wie es vor dem 26.12. einmal war. Ich kann sie verstehen. Hier ist es nicht so, wie in vielen südlichen Ländern, das die Frauen arbeiten und die Männer Siesta machen, nein, hier wird alles gemeinsam getan. Wir werden angehalten, denn ein Lastenkran der Amerikanischen US Navy hebt einige Fischerboote, die zu weit auf der Straße liegen und noch schwimmfähig sind, zurück ins Meer. Meine drei Begleiter stehen staunend da, denn sie haben noch nie gesehen, das solche großen Maschinen von Frauen betätigt werden. Hier sieht man mal wieder, das Welten aufeinander prallen.

Weiter des Weges sehe ich dann noch das gesunkene Küstenwachschiff das hier liegt und der Taxifahrer sagt sehr stolz, das es vor 4 Monaten hier angekommen sei, es war ein Geschenk der deutschen Rettungswacht. Bei der Welle hatte die Mannschaft versucht ein paar Fischer zu bergen, die hilflos im Wasser trieben, bei der 2-ten Welle wurde es dann von deren Wucht erwischt und sank. Die Fischer und die Besatzung konnten nur noch tot geborgen werden.
In Aluthgama angekommen, werden wir schon sehnsüchtig erwartet. Ich verabschiede mich von vielen lieben Freunden und glaubt mir, es ist nicht leicht.
Dann geht’s weiter nach Bentota zu Sudith, auch hier sage ich “Auf Wiedersehen“, diesmal jedoch mit arg feuchten Augen und einem weinenden kleinen Chamond. Als wir ins Auto steigen, glaube ich nicht richtig zu hören.

„Danke Deutschland,
danke Freunde,
danke Herr der Ringe Fanfiktion de,
danke euch allen.“

Sudith zwinkert mir zu und ich überlege während der Fahrt, wie lange sie wohl alle für diesen Spruch geübt hatten. Wieder siegt das Wasser über meine Augen...
Mittlerweile ist es schon Nachmittag und auf dem Rückweg halten wir immer wieder mal an, sei es um einen Freund zu besuchen, eine Tante oder jemanden Bekannten. Es ist jedes Mal schön, wenn man so herzlich begrüßt wird, wie ich in all den Tagen. Dann sehe ich mein Lieblingsteegeschäft und wir halten wieder an. Da ich mir fest vorgenommen habe, jedem etwas Tee mitzubringen, der eine Kleinigkeit zu meiner Reise beigesteuert hat (*), trage ich nach gut einer Stunde 2 riesengroße Tüten voller Teepäckchen ins Auto.
Weiter geht’s, nächste Station ist Wadduwa. Saseka ist nun zu Hause und sie erzählt uns, wie es war, als die Welle kam und ihre Holzhütte weggespült hatte. Furchtsam starrt sie dabei auf Meer, das jetzt ganz ruhig und sanft da liegt. Die ‚neue’ Hütte hat die Familie aus angespültem Holz und Wellblechteilen zusammen gezimmert. Innen ist es feucht und dreckig, da sie keinen festen Boden haben, sondern nur die blanke Erde. Ein Foto wird leider nicht erlaubt und ich respektiere die Entscheidung der Eltern. Draußen stinkt es erbärmlich nach verendeten Tieren und Fischen, die wie überall angespült worden. Am schmalen Strand hält mich Kumari fest und deutet auf weiße Stäbe, die aus dem Sand ragen. Mich graust es schon ein wenig, denn ich stehe einen Schritt von einem Massengrab entfernt.
Da ich Geld von den Dresdnern in der Tasche habe und ich es ihr nicht in bar geben will, frage ich Saseka, ob sie mit uns Lebensmittel einkaufen gehen möchte. Sie sagt sofort zu, flitzt zur Nachbarin, borgt sich dort ein sauberes Kleid und nur Minuten später geht es los. Wir kaufen alles ein, was die Familie für einen Monat zum essen braucht. Auch ein paar neue Kleidungsstücke sind noch drin und zufrieden sehe ich, wie der Abend über das Land hereinbricht. Wieder bei Saseka angekommen, machen wir noch ein Bild und Kumari ruft zu Hause an, das wir bald da seien.
Ich kann ehrlich gesagt auch nicht mehr, mein Wasser ist alle, das Shirt klebt an mir wie eine zweite Haut, von der Hose ganz zu schweigen. Ich will einfach nur noch unter die Dusche. Doch Dusche gibt’s heute nicht, da es heute kein Wasser aus der Leitung gibt. So begnüge ich mich mit einem Schöpftopf und einer großen Schüssel voll Wasser aus dem hauseigenen Brunnen, und das Wasser ist ar...kalt...
So aber bin ich zum Essen wieder munter genug und auch das Telefonat mit meinem Männe überstehe ich gerade noch so, dann ist sense und die Äuglein fallen mir zu...

(* wer etwas gegeben, aber noch keinen Tee erhalten hat (dafür ein Sorry von mir!), der melde sich bitte bei mir mit seiner Anschrift. Mail an : gilthoniel73@yahoo.de)



Tag 16

Sonntag - 23.01.2005


Heute stehen nach dem Frühstück (heute gab es mal Reis, weil Brot alle alle...) mal wieder der Pflasterwechsel bei den Allerkleinsten an. Ich bin mit allen sehr zufrieden, die Wunden sind nun fast verheilt, doch die Wunden in den Seelen der Kinder brauchen dazu bestimmt ewig. Da sie überaus tapfer sind und auch nicht geweint haben, gibt’s ein lecker Bonbon und für mich eines dieser feuchten Kinderküsse. (das eine Bild hat mich besonders fasziniert, es geht nichts über lachende Kinderaugen...)

Da heute Nachmittag alle in der Familie irgendetwas zu tun haben, außer ich, schlendere ich mal gemütlich durchs Dorf und schau mal, was die Hüttenbauer so machen, es geht voran, mit jedem Tag ein Stückchen mehr. Die Menschen hier sind offener und zutraulicher geworden.
Da die Kinder keinerlei Spielsachen mehr haben und ich ihnen gern eine Freude machen möchte, kommt mir eine brillante Idee und ich denke mal, ihr daheim werdet es begrüßen.
Da morgen Feiertag ist (Vollmondtage sind immer Feiertage, das hat was mit Buddha zu tun) und die Kinder keine Schule haben, werde ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen.
Am Abend dann wird es innerhalb der Familie diskutiert und alle befinden die Idee für sehr gut. Dann ist der Tag auch schon wieder zu Ende, und weil ich nicht unnötig Strom vergeuden will, gehe auch ich nun ins Bett...

Tag 17

Montag - 24.01.2005


Beim Frühstück heute morgen, werden die neuesten Neuigkeiten des Tages diskutiert, ruhig höre ich zu, doch verstehen kann ich leider kein einziges Wort...
Dann mache ich mich an die Umsetzung meiner Idee für die Kids. Der Bürgermeister hilf mir, einen Fernseher und einen gängigen VCD Recorder (DVD gibt es dort leider noch nicht) zu besorgen und anzuschließen. Dann gehe ich einige VCDs ausleihen und Getränke kaufen, sowie einiges an Naschwerk.
Ich schicke Kumari los, um die Kinder im Dorf einzusammeln, die dann auch zahlreich erscheinen. Für die Kleinsten gibt es zuerst den Film „Bärenbrüder“, dann lege ich „Atlantis“ ein. Die ganz Kleinen liegen nun teilweise schon auf dem Boden und schlafen. Eines nach dem anderen wird von uns nach Hause getragen und selig schlafend in sein Bettchen (soweit vorhanden) gelegt.
Nachdem „Atlantis“ zu Ende ist, fängt nun für die Älteren der von mir ausgesuchte Film an. Alle sind neugierig was ich wohl ausgesucht habe. Kumari allerdings kann es sich schon denken und sagt nur hingebungsvoll: „Mein blonder Elb...“ Bald wissen es auch die anderen Kids, gehört haben sie alle schon von dem Werk, nur gesehen noch nie. Vorher erzähle ich ein wenig von Mels Seite, wie sie entstanden ist und was wir da so machen, vor allen Dingen warum.


Dann lege ich Teil eins ein und es wir mucksmäuschenstill im Raum. Die Qualität ist recht mies und ab und zu fehlt hier und da ein Stück. Doch das bricht dem ganzen kein Zacken aus der Krone. Die Kids verstehen nicht alles, denn der Film war nur in englisch zu haben. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich es nicht ausführlich kommentieren könnte. Kumari übersetzt meine Worte und die Kids hängen wie gebannt vor dem Bildschirm, während ein Ohr immer bei Kumari ist.
Die jedoch vergisst stellenweise etwas zu sagen, nämlich immer dann, wenn Legolas ist Bild kommt. Als der Elb Haldir dann stirbt, rufen die Mädels „Neeee“ und bei manchen schimmern die Augen ganz verdächtig. Die Elben im allgemeinen haben es ihnen sowieso ungemein angetan mit ihren langen blonden Haaren und als Aragorn und Arwen heiraten, klatschen die Kids vor Begeisterung in die Hände.
So endet auch dieser Tag und bewaffnet mit Taschenlampen bringen wir die Kids dann nach Hause. Auf dem Wege schnatterten sie aufgeregt durcheinander, die Mädchen tuscheln und fassen sich an den Ohren und schreiten dahin, wie die Elben höchst persönlich. Die Jungs hingegen üben sich im imaginären Schwertkampf mit einem Ork oder tun es Legolas nach, der schnell hintereinander seine Pfeile abschießt.
Es tut richtig gut, sie einmal so fröhlich und ausgelassen zu sehen und nicht einmal an diesem Abend ist das Wort Tsunami gefallen.
Gegen Mitternacht liege auch ich dann geschafft und selig träumend in meinem Bett...


(Leider sind die 6 Bilder dieses Films nichts geworden, aus der Fototüte kamen nur 6 total schwarze Aufnahmen heraus, schade...)


Tag 18

Dienstag - 25.01.2005


Heute erledige ich gleich nach dem Frühstück noch ein paar Einkäufe. Auch den letzten entwickelten Film hole ich heute gleich noch ab, und besorge ganz nebenbei die Zutaten für mein Abschiedsessen, denn morgen in aller Frühe geht es ja wieder heimwärts.
Ich gebe zu, ich freue mich auf mein zu Hause, auch wenn es dort wesentlich kälter ist als hier, doch am meisten freue ich mich auf meinen Mann, eine schöne, randvoll duftende Badewanne, einen richtigen Kaffee und aufs Essen überhaupt.
Vor dem Mittagessen bin ich wieder bei meiner Gastfamilie, die heute sehr still ist. Als ich dann frage warum, bekomme ich gesagt, das sie mich nicht weggehen lassen wollen, ich gehöre doch zur Familie – damit hatte ich nun nicht gerechnet.
Zum letzten Mal esse ich heute Reis, und ich gelobe mir, das ich sobald keinen mehr essen will, ich kann ihn einfach nicht mehr sehen. Am frühen Nachmittag dann, fange ich an, meine Sachen zu packen. Der Bürgermeister bringt mir einige Tageszeitungen vorbei, die ich mitnehmen soll, was ich auch gern mache.
Meinen Tee habe ich auch gut verstaut, sowie noch ein paar Kleinigkeiten, die ich besorgt habe. Da ich keine Esswaren ausführen darf (wegen der Seuchengefahr), fallen die üblichen Gewürze weg, schade...
Als ich dann alles in der kleinen silbernen Box habe, hebe ich sie hoch und staune, da sind nicht mal 10 kg drin, und da keine Kleidung hinzukommt, war es das wohl auch gewesen. Nach dem Nachmittagstee bekomme ich sehr viel Besuch, alle wollen sich von mir verabschieden, doch das schönste ist, das mich die Kinder einfach nicht gehen lassen wollen, einige bieten mir sogar ihr Bettchen an zum schlafen.
Viele Tränen fließen an diesem Tage und meine letzten Bonbons werden unter den Kindern verteilt. Doch sie haben sich dann noch für EUCH aufgestellt, für ein Bild...
Dann bewege ich mich Richtung Küche, aus der ich heute alle vertrieben habe, bis auf Kumari, die mir beim Zubereiten des Essens helfen soll. Kartoffeln werden geschält (ihr erinnert euch bestimmt, Kartoffeln ist hier Gemüse) und zum kochen aufgesetzt, frisches Hühnerfleisch, das ich heute morgen erstanden habe, wird zerkleinert und angebraten mit Zwiebel, Paprika und Knoblauch (aber nur ganz wenig, muss ja morgen fliegen * g *).
Dann zaubere ich unter Kumaris staunenden Augen 6 Päckchen Knorr Fix für Hähnchengulasch hervor (oh man, das war ein Augenblick!!!) und rühre es mit ein, fertig war das Essen. Wie schon einmal zuvor, erkenne ich meine Familie hier nicht wieder und im nu war alles Essen (Salzkartoffeln mit Hähnchengulasch) weggeputzt und die Köchin gelobt.
Dann am Abend sitzen wir noch beieinander, trinken Whiskey-Cola (nur der Papa und ich, die Kinder dürfen nicht, egal wie alt sie sind) und Fanta und denken an die Zeit zurück, die ich nun hier war.
Ein letztes Mal dusche ich ausgiebigst und lege mich in das etwas harte Bett, dann schlafe ich ein und dieses Mal quälen mich keine wirren Träume...


Tag 19

Mittwoch - 26.01.2005


Um 4 Uhr früh klingelt mein Wecker ganz leise, jedoch nicht leise genug, denn nun stehen alle aus der Familie auf. Ich erfrische mich ein wenig (so früh gibt es noch kein Leitungswasser und das Brunnenwasser ist eisigkalt) und ziehe mich an. Für 5 Uhr ist das Taxi bestellt, doch für einen Tee mit den Anderen reicht es noch. Ich bitte Mama all meine Sachen, die ich zurücklasse, zu verbrennen.
Kumari trage ich auf, weiterhin die Verbände zu wechseln, so wie sie es von mir gelernt hat.
Wenn ihr etwas ausgeht, soll sie mir einen SMS schreiben, das verspricht sie mir dann auch. Dann hupt es, mein Taxi ist da. Kumari und ihrer jüngere Schwester Sisi (richtig: Sisiranghani) begleiten mich zum Flughafen. Mein kleines Köfferchen wird eingeladen und dann fließen ungehindert die Tränen, auch der Bürgermeister hat sich eingefunden um mir auf Wiedersehen zu sagen. Doch ich bin tapfer und dränge die Tränen zurück, schließlich sind sie und ich ja nicht aus der Welt und Telefon gibt es nun auch wieder bei ihnen.
Am Flughafen angekommen, ist es ganz still, nicht so wie all die Jahre vorher, wenn der Airport überladen mit all den Urlaubern ist, die laut diskutierend, keifend und manchmal auch schreiend ihr Recht gefordert hatten. Nein, heute war es sehr still, kaum eine Menschenseele war zu sehen. Ein Weißkittel nimmt mich sogleich in Empfang und meint, ich solle gleich einchecken, denn ich soll noch zum Flughafenarzt kommen. Ich bin irritiert, was will der denn von mir? Doch es kann nur wegen den Seuchen sein...
Mit einer ganz langen Umarmung verabschiede ich mich von den zwei Mädels, die mir in all der Zeit hilfreich zu Seite gestanden haben und gehe durch die Kontrollen. Da ich keine Esswaren mit mir führe, darf ich gleich mein Gepäck aufgeben und meine Flugscheine am Schalter lösen. Ein letztes winken, dann gehe ich den ausgewiesenen Gang entlang und lande in der Medizinischen Abteilung. Dort wird mir Blut abgenommen und ein Schnelltest auf Typus und Cholera gemacht, der wie erwartet negativ ausfällt.
Mit einer Unbedenklichkeitsbescheinigung darf ich nun das von mir geliebte Land verlassen (währe der Test positiv gewesen, hätte ich nicht abreisen dürfen!) und nur eine halbe Stunde später sitze ich im Flieger in Richtung Dubai. Dort sehe ich dann auch die Sonne aufgehen und als der Flieger dann, mit mehr als einer Stunde Verspätung landet, mache ich mich auf den Weg zum nächsten Gate, nicht ohne jedoch noch einmal den Duty Free Bereich zu besuchen. Doch ich muss mich sputen, denn ich habe nur 30 min Zeit.
Im Flieger nach Deutschland dann, sitze ich neben einem Geistlichen aus Bayern, der auch in Sri Lanka war. Wir reden eine ganze Weile miteinander, was wir so erlebt haben, doch eines wurde mir bewusst, meine Erlebnisse waren nicht annähernd so schlimm, wie die seinigen.
Dann schlafe ich ein...
Kurz vor Ankunft in Frankfurt weckt mich der ältere Mann neben mir. Ich trinke noch ganz fix meinen Kaffee zum munter werden, dann kommt auch schon die Landung, ich bin wieder zu Hause. Noch vor der Passkontrolle werden wir zwei von den Grenzschützern in Empfang genommen und zum Flughafenarzt begleitet. Der will unsere Bescheinigungen sehen und bietet uns Hilfe beim Bewältigen der Erfahrungen im Tsunamigebiet an, ich jedoch lehne dankend ab.
Die Passkontrolle habe ich dann schnell hinter mir gelassen, denn ich weiß, das hinter den Türen die dort sind, mein Männe wartet und wer weiß wer noch. Da ich nichts zum Verzollen habe, öffnen sich die Türen vor mir und das Gesicht meines Mannes strahlt mir entgegen...


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Bitte verzeiht mir, das es mit meinem Bericht nicht schneller gegangen ist, doch ich brauchte eine gewisse Zeit um all die Dinge zu verarbeiten, wo ich dann doch erfahrene Hilfe in Anspruch genommen habe, außerdem mussten einige rechtliche Dinge geklärt werden. Alles in allem bereue ich jedoch nicht, diese Reise unternommen zu haben, die ohne eure Hilfe nicht möglich gewesen währe.

Deshalb an dieser Stelle meinen Dank an alle, die mich so tatkräftig unterstützt haben. An erster Stelle jedoch steht hierbei mein Mann Steffan, der mir in jeder Situation mit Rat und Tat und auch mit lieben und aufmunternden Worten zur Seite gestanden hat. Mein weiterer Dank gilt meiner und Steffans Familie, die uns in all der Zeit den Rücken gestärkt hat.

Auch ein ganz dickes herzliches Dankeschön geht an all die Mädels aus dem Chat, die mir immer wieder zu Verstehen gegeben haben, das sie an mich gedacht hatten, wärend all der Zeit und in Gedanken bei mir waren. Des weiteren danke ich auch unseren zahlreichen Freunden und Bekannten, die immer für uns da sind und waren.

Ich hoffe, das die wenigen angehängten Bilden einen Eindruck von dem vermitteln können, was ich erlebt und gesehen habe, auch wenn dies nur ein Bruchteil ist. Viele Bilder waren einfach zu grauenvoll, als das ich sie hätte auf Papier bannen können, ich hoffe ihr versteht das.

Des weiteren ist die Qualität der zu kaufenden Filme nicht immer die beste und auch die Entwicklung lässt zu wünschen übrig. Ich weiß nicht, wie viele Bilder dadurch verloren gegangen sind. Leider...

Des weiteren noch ein Aufruf an euch da draußen, reist in die ehemaligen Tsunamigebiete, auch wenn ihr noch so große Zweifel habt. Ich helft den Menschen mit eurer Anwesenheit sehr, denn gut ¾ der Arbeitsplätze hängen nun mal vom Tourismus ab. Wenn kein Tourist mehr in jene Gebiete reisen wird, gehen die Leute der Armmut entgegen, jedoch mit viel größeren Schritten als zuvor.

Wenn jemand von euch Material über Sri Lanka haben möchte, kann er sich gern bei mir melden. Dieses Land ist wirklich einmalig schön, nicht umsonst trägt es nebenbei den Namen:
„Perle des indischen Ozeans“.