Funbeitrag von Miana
Die Trilogie im Schnelldurchlauf
Aufgeregtes Geschnatter herrschte in dem großen und gemütlichen
Wohnzimmer von Gilthoniel, oder besser Gil, wie sie von allen genannt wurde.
Chipstüten knisterten, Pringeldosen ploppten und nach einem kleinen Kampf
waren alle Tüten mit den Knusperflocken, von denen man echt süchtig
werden konnte, mehr oder weniger gerecht auf die Mädels verteilt.
Nach einigem Hin und Her hatten sich Bommel, Rhayne, Locke, Maren, Miana, Napolde
und Gil einen Platz gesucht, das heißt Gil brauchte nicht suchen, ihr
Anrecht auf den sogenannten Chefsessel hatte sie allen mehr als deutlich zu
verstehen gegeben.
Endlich saßen alle.
„Kann es losgehen?“ fragte Gil, die gerade „Die Gefährten“
in den DVD-Player gestopft hatte. Zustimmendes Gemurmel erhob sich.
„Jaaaa! Bereit! Lass meinen Elben erscheinen!“ säuselte Napolde
und alle grinsten.
„Das dauert ja wohl noch eine Weile bis dein Elb seinen Auftritt hat“,
stichelte Miana, obwohl sie Legolas genauso sehnsüchtig erwartete, wie
Napolde.
„Die Welt ist im Wandel! Ich spüre es im Wasser! Ich spüre es
in der Erde! Ich rieche es in der Luft! Vieles, was einst war, ist verloren,
da niemand lebt, der sich erinnert ...!“
Schlagartig zog Ruhe im Wohnzimmer ein, als plötzlich Galadriels einprägsame
Stimme durch den Raum schwebte.
Gelangweilt lehnte sich Gil in ihrem Sessel zurück. Oh man, das dauerte
jetzt ungefähr zwei Stunden, bis IHR Elb endlich auftauchen würde
– der Hauptmann Loriens – Haldir. Gil seufzte leise auf.
Plötzlich kam ihr eine hervorragend Idee. Mit einer fast hektischen Bewegung
griff sie nach der Fernbedienung und begann den Film mit 8-facher Geschwindigkeit
vorzuspulen. Protestierende Rufe wurden laut, die Gil jedoch einfach missachtete.
„Gil! Was soll denn das??“
„He, wir wollen den Film gerne ganz sehen!“
Die Bilder begannen in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit über den Bildschirm
zu rasen.
„Ich will meinen Elb!“ knurrte Gil. „Und ich habe keinen Bock
hier ewig auf ihn zu warten.“
Bilbo sah man, dann Frodo, Gandalf, wild tanzende Hobbits auf einer Geburtstagsfeier,
kurz blitzte ein Feuerwerk auf.
Miana beobachtete seit ein paar Sekunden schon nicht mehr den Bildschirm, sondern
die Mädels. Auf einmal schoss ihr eine blendende Idee durch den Kopf. Leise
erhob sie sich, begab sich ins Schlafzimmer und holte ihren Laptop. Zu den Mädels
und der „Kurzfassung“ des 1. Teils vom „Herrn der Ringe“
zurückgekehrt, setzte sie sich wieder hin und öffnete ihren Laptop.
Auf den fragenden Blick der Mädels antwortete sie nur: „Ich hab eine
Idee!“ und begann zu schreiben.
„Halt den Film an!“ quietschte Napi plötzlich los.
Legolas hüpfte gerade in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vom Pferd und
gleich darauf sah man ihn in Elronds Rat aufgeregt herumdiskutieren, als würde
er eine Wahlrede halten.
Doch Gil war eisern. Nach wie vor raste der Film durch seine Handlung.
Ab und zu stöhnte Bommel kurz auf, wenn Pippin durchs Bild huschte, Maren
bekam Herzklopfen, wenn Aragorn für den Bruchteil einer Sekunde direkt
in Kamera sah, kaum konnte man die Szenen wahrnehmen, bei denen Legolas, ähm,
eigentlich ja Orlando, so unheimlich viel Text zu lernen hatte und die momentane
Lage der Gefährten immer äußerst treffend mit nur einem Wort
einschätzte: „ORKS!“
Man sah die neun Gefährten durch die Mienen von Moria eilen, als wäre
es eine lustige Fahrt durch eine Geisterbahn auf einem Rummel und dann sah man
Gandalf auf der schmalen Brücke von Kazadum stehen, wild mit den Armen
und seinem Zauberstab herumfuchtelnd und auf den Balrog einredend, als wollte
er ihm in Kaya Yanar-Manier klar machen: „Du kummst hier nicht rein!“
– öhm – „durch“ muss es heißen! ’tschuldigung!
In Gil, Locke und Rhayne begann es zu kribbeln. Gleich! Gleich war es soweit!
Aragorn hüpfte leichtfüßig über einen Bach, Legolas lief
noch geschmeidiger auf den Wald von Lorien zu (wieder hörte man das Napi
fast verzweifelt aufseufzen) und die Hobbits und Gimli liefen mit ihren kurzen
Beinen wie aufgezogen durch die Gegend.
In Gil spannte sich alles an, jetzt kam die wirklich wichtige und interessanteste
Stelle des ganzen 1. Teils. Sie musste ein leises Aufstöhnen unterdrücken,
als ihr Finger die Play-Taste der Fernbedienung berührte.
Plötzlich schien es, als ob der Film förmlich stoppen würde.
Alles lief auf einmal in normaler Geschwindigkeit ab und wirkte nach den Minuten
in Zeitraffer fast unwirklich.
„Der Zwerg atmet so laut, wir hätten ihn im Dunkeln erschießen
können!“
„Aaaaaaahhhhhhhh! HALDIR!“ kreischten Gil, Rhayne und Locke los.
Mit einem leisen Lächeln beobachtete Miana die Mädels, dann rasten
ihre Finger über die Tastatur ihres Laptops.
Sabbernd und hechelnd hingen die drei Mädels jetzt mit großen Augen
vor dem Fernseher, saugten jedes Bild, jeden Blick und jedes Wort ihres Elben,
sprich Haldir, in sich auf, als würde ihr Leben davon abhängen.
Gnädig ließ Gil noch den Empfang der Gefährten bei der Herrin
des Lichts in normaler Geschwindigkeit laufen, dann stoppte sie den Film einfach
und schob unter dem ohrenbetäubenden Protest aller Mädels den 2. Teil
der Trilogie in ihren DVD-Player.
Mianas Finger verknoteten sich fast beim Schreiben.
Gil startete den Film und diesmal schien es, als ob der Film mit Lichtgeschwindigkeit
über den Bildschirm jagte.
„Unwichtig!“ brummelte Gil, als Legolas, Aragorn und Gimli über
die weiten Grasebenen von Mittelerde den Uruks nachjagten, die Goldene Halle
von Edoras erschien und Merry und Pippin mit Baumbart durch den Fangornwald
zogen. Bommels Protest prallte von Gil einfach ab.
„Nebensächlich!“ kommentierte sie weiter, als Aragorn die Klippe
hinabstürzte und dann allein, dem Tode näher als dem Leben über
die weite Ebene von Rohan Richtung Helms Klamm zog.
Und dann breitete sich wieder dieses berauschende Gefühl in ihr aus, ihr
Finger strich behutsam über die Play-Taste, dann drückte sie zu.
„Holt den König! – Öffnet das Tor!“
Laute, tiefe Seufzer ertönten, als Haldir majestätisch, stolz und
in absoluter Ruhe an der Spitze der Elbenkrieger in Helms Klamm einmarschierte.
Locke, Rhayne und Gil wünschten sich jetzt sofort an Aragorns oder Legolas’
Stelle, die in den Genuss kamen, Haldir umarmen zu dürfen.
Dagegen wünschten sich das Napi, Maren und Miana, die neben ihrer Schreiberei
doch noch ab und zu einen Blick auf den Bildschirm warf, Haldir sein zu können,
um selber in den Genuss einer Umarmung von Legolas oder Aragorn zu kommen.
Dann begannen bei den drei Haldir-Süchtigen die Fingernägelknabberei.
Chips und Knusperflocken waren vergessen.
„Haldir! Zurück in die Burg!“
Haldir warf einen Blick in Richtung Aragorn und nickte.
„Jetzt nick nicht so viel, los beweg deinen Hintern!“ brüllte
Rhayne den Fernseher, ähm, Haldir, an, so als könne sie dadurch noch
was an dem Ablauf der Handlung ändern.
Doch wie immer war alles Brüllen, Betteln und Flehen umsonst.
„Haldir!“ verzweifelt hörte man Aragorn, Locke, Gil und Rhayne
aufschreien und wie auf Kommando begannen bei den drei Mädels dicke Tränen
zu fließen, während Haldir in Aragorns Armen starb.
Es wurde herumgeschnieft, die Taschentücher begannen sich auf dem Schoß
der Mädels zu stapeln und Miana schrieb und schrieb und schrieb.
Um es sich mit den Mädels nicht ganz zu verscherzen, ließ Gil den
dritten Teil in normaler Geschwindigkeit ablaufen. So hatte sie Zeit, Haldirs
Tod zum ungezählten Male zu verarbeiten. Während sich ihre Hand um
die Fernbedienung klammerte und die Hülle der Fernbedienung anfing, empörend
zu ächzen und zu knacken, überlegte sich Gil, wie sie Peter Jackson
am besten an den Hals springen konnte, wenn sie ihm jemals persönlich gegenüberstehen
sollte, um ihm klar zu machen, dass Haldirs Tod eine ganz blöde Idee war
– was die Gesamtleistung Peter Jacksons bei Weitem nicht schmälern
sollte.
Schade, dass sie sich nicht mehr bei J.R.R. Tolkien selbst über Haldirs
Tod beschweren konnte, sein Wort hätte sicher Gewicht bei Peter Jackson
gehabt.
Die letzten Szenen des dritten Teils liefen.
Während nach der gewonnenen Schlacht auf den Penelorfeldern im Thronsaal
die Beratung abgehalten wurde, gelang es Legolas mal wieder mit nur zwei Worten
die ganze Situation zusammenzufassen.
„Eine Ablenkung!“ schrieen alle Mädels begeistert. Es schien
fast so, als ob Legolas etwas irritiert in die Kamera sah.
Das Napi war einem Herzinfarkt nahe, als Legolas dann, strahlend und überirdisch
schön, in Frodos Krankenzimmer trat. Sie schmolz förmlich vor sich
hin und Gil befürchtete schon, Napi nachher unter der Couch wieder aufwischen
zu müssen.
Maren japste Aragorn hinterher und Rhayne und Locke trauerten immer noch Haldir
nach. Miana geriet wieder in ihren berühmten Zwiespalt, ihre Augen hingen
an Legolas, den sie absolut schnuckelig fand, doch gleichzeitig sah sie auch
Aragorn, das heißt eigentlich mehr Viggo, der Aragorn verkörperte,
und den sie definitiv nicht von der Bettkante schupsen würde.
Auf dem Bildschirm sah man das Schiff aus dem Hafen der Grauen Anfurten auslaufen,
um nach Amman, in die Unsterblichen Lande zu segeln, Bommel hatte Tränen
in den Augen, sie litt mit ihrem Hobbit immer so sehr mit, dann erlosch der
Bildschirm.
Ein tiefer, gemeinschaftlicher Seufzer zog durchs ganze Wohnzimmer. Die Mädels sahen sich mit verheulten Augen und verklärtem Blick an und beteuerten, wie toll doch wieder dieser HdR-Abend war.
Und mit einem breiten und zufriedenen Grinsen im Gesicht schloss Miana ihren Laptop.