Im Interview mit Billy Boyd
Während der RingCon 2004 schilderte Pippin- Darsteller Billy Boyd der Space View seine Erinnerungen an die Dreharbeiten, seine Gedanken über Fans und seine zukünftigen Projekte.
SV: Wie ist es heute für dich, an die Zeit der Dreharbeiten
für „Der Herr der Ringe“ zurückzudenken? Verblassen die
Erinnerungen nicht langsam?
BB: Ich kann mich noch sehr genau an viele Situationen erinnern, aber leider
vergesse ich immer mehr, wo wir was gedreht haben. Ich kann mich beispielsweise
sehr genau daran erinnern, wie wir auf einer Bergspitze am Ausgang von Moria
gedreht haben. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wo
das in Neuseeland war. War das auf dem Mount Cook oder auf den Remarkables?
Aber genau aus diesem Grund ist es ja so genial, dass wir die DVD´s haben.
Wenn ich dann vielleicht so in fünf Jahren vieles komplett vergessen haben,
kann ich die DVD reinschieben, mir die Interviews anschauen und dann ist die
Erinnerung sofort wieder zurück.
SV: Kannst du die Erfahrung beschreiben, anderthalb Jahre
an einem einzigen Projekt zu arbeiten und für so lange Zeit auf der anderen
Seite der Erde zu leben?
BB: Das war großartig und hat jeder Menge Spaß gemach, aber gleichzeitig
war es auch sehr Kräfte zehrend. Ganz am Anfang warn wir total energiegeladen,
jeden Tag auf voller Power. Aber dann im Lauf der Dreharbeiten wurden wir immer
kraftloser und begannen, uns in den Drehpausen auszuruhen. Man muss sich das
auch mal vorstellen. Jeden Morgen mussten wir drei Stunden in der Maske sitzen
und anschließend 14 bis 15 Stunden arbeiten. Gegen Ende der Dreharbeiten
nutzten wir jede Möglichkeit, die sich uns bot, um zu schlafen. Wir haben
diese Arbeit total geliebt, aber in den letzten Wochen sah man die Leute sogar
auf ihren Stühlen schlafen.
SV: Was war unter all den vielen Drehorten und Kulissen
dein persönliches Highlight?
BB: Ich liebe Bruchtal – das Set war wunderschön. Ich fand es toll,
wie die Kulissen um die Bäume herumgebaut wurden. Aber ich mochte auch
die Landschaft rund um Queenstown, wo wir ebenfalls sehr viele Szenen gedreht
haben.
SV: Welchen Einfluss hatte die Filmtrilogie auf dein Leben?
Was hat sich seitdem verändert?
BB: Es ist schon ein bisschen verrückt. Gestern, als ich am Flughafen angekommen
bin, zeigten ein paar Leute auf mich und sagten: „Schau mal: Ein Hobbit.“
Ich hätte so etwas vor den Dreharbeiten niemals träumen lassen. Für
meine Karriere war die Rolle natürlich sehr positiv. Mir werden mehr Drehbücher
zugeschickt und ich kann mir aussuchen, wo ich mitspielen möchte. Aber
von diesen Dingen abgesehen ist mein Leben genauso, wie es vorher war.
SV: Du lebst immer noch in der Heimatstadt Glasgow in
Schottland. Hat du nie darüber nachgedacht, eines Tages nach Hollywood
zu ziehen?
BB: Ich bin bereits viel in Hollywood unterwegs, sodass ich mich immer freue,
nach Hause zu kommen. Und ich lebe gerne in Schottland.
SV: Kommen wir zurück zur Filmtrilogie. In der Extended
Edition von „Die Rückkehr des Königs“ gibt es einige neue
Szenen mit Pippin. Glaubst du, dass durch diese lange Filmfassung ein anderer
Eindruck von Pippin entsteht?
BB: Ja vielleicht. Der dritte Teil zeigt, wie Pippin erwachsen wird und dass
er auch Dinge tut, die den Gefährten helfen, und nicht nur Dinge, die sie
aufhalten, womit er ja in den ersten beiden Filmen beschäftigt war. Und
die Extended Edition geht auf diese Entwicklung etwas näher ein. Das finde
ich gut.
SV: Musstet du für die dritte Extended Edition auch
für Nachdrehs zurück nach Neuseeland?
BB: Ja wir mussten alle im Sommer 2003 für etwa sechs Wochen noch einmal
nach Neuseeland. Ich musste vor allem Szenen in Minas Tirith, darunter auch
viele Kampfszenen, nachdrehen. Die Szene aus der Kinofassung, in der Pippin
die Treppe runterläuft und den Ork tötet, der Gandalf angreift oder
wie Pippin durch die Straßen läuft, das haben wir alles nachgedreht.
SV: Das war sicherlich auch für euch als Schauspieler
toll, sich nach so langer Zeit wiederzusehen.
BB: Ja, auf jeden Fall! Ich habe so viele Freunde in der Crew und unter den
Schauspielern. Denn wir haben ja in den zwei Jahren in Neuseeland nicht nur
gearbeitet, sondern wir haben da gelebt. Und es war nett, nach so langer Zeit
wieder auf die altbekannte Bedienung im Restaurant zu treffen oder dem Typen
aus der Videothek „Hallo“ zu sagen.
SV: Im dritten Teil hast du uns ja einen außergewöhnliche
Kostprobe deines Gesangstalentes gegeben. Wer hatte die Idee für dieses
Lied?
BB: Ich glaube, das war Peters Idee, denn ursprünglich war das Lied im
Drehbuch nicht vorgesehen. Wenn ich mich richtig erinnere, begann es auf einer
Party von Philippa, auf der ich gesungen habe. Sie hat Pete davon erzählt
und der hatte die Idee, dass es toll wäre, im dritten Teil ein Hobbit-Lied
zu haben. Sie gaben mir dann das Gedicht von Tolkien und fragten mich, ob ich
die Musik dazu komponieren könne. Ich habe also drei verschiedene Melodien
komponiert und Fran, Pete und Philippa vorgesungen, und eine davon gefiel ihnen
besonders gut, und die ist jetzt im Film. Die Aufnahmen für diese Szenen
haben wir in Denethors Thronsaal gemacht, aber da dort die Akustik nicht so
gut war, mussten wir den Ton noch einmal gesondert aufzeichnen. So ging es in
die legendären Abbey Road Studios in London, wo schon die Beatles ihre
Songs aufgezeichnet haben. Und ich fand mich plötzlich in einem Raum wieder,
in dem schon John Lennon gesungen hatte. Das war sehr beeindruckend.
SV: Du gehst auf Conventions, du betreibst eine eigne
Website www.billyboyd.com und du stehst in ständigen Kontakt mit deinen
Fans. Was bedeuten für dich Fans?
BB: Ich finde, dass für jeden Künstler der Kontakt zu seinen Fans
unglaublich wichtig ist! Aber ich würde sie nicht unbedingt als „Fans“
bezeichnen. Das sind einfach Menschen, die meine Arbeit zu schätzen wissen
und genießen. Diese Menschen sind auch der Grund, warum ich hier auf der
RingCon bin. Ich weiß, dass Tolkiens Werk und auch die Filme in Deutschland
sehr geschätzt werden. Und daher wollte ich mir das hier einfach mal anschauen.
Es wäre doch verrückt, die Leute zu ignorieren, die sich deine Arbeit
anschauen.
SV: Was steht für dich als nächstes Projekt
an?
BB: Nächsten Monat läuft „The Seed of Chucky“ in den amerikanischen
Kinos an, im dem ich als der Sohn von Chucky zu hören bin.
SV: Dann ist dein „Vater“ ja ein alter „Herr
der Ringe“ – Bekannter.
BB: Ja genau. Brad Dourif spricht Chucky, die Mörderpuppe. Und mein nächster
Film ist dann „On a clear day“, der im nächsten Jahr anläuft.
Ein Film, den wir auf den Isle of Man gedreht haben.
SV: Ich habe auch gehört, dass du gerade zusammen
mit deinem Hobbit-Kollegen Dominic Monaghan an einem Drehbuch arbeitest. Was
ist dran an diesem Gerücht?’
BB: Wir haben etwas geschrieben, das man als Drehbuch bezeichnen könnte.
Wir lieben die Charaktere und die Szenen, aber mit der Geschichte warten wir
uns nicht so sicher. Daher haben wir das Drehbuch immer wieder geändert,
und am Schluss dachten wir, es wäre vielleicht keine schlechte Idee, wenn
wir wegen der Struktur einen professionellen Drehbuchautor dazuholen würden.
Wenn wir schon einen Film zusammen drehen, dann irgendwas, auf das wir auch
richtig stolz sein können. Daher bringt jetzt David Greig, übrigens
ein toller Autor, den letzten Schliff in unser Drehbuch.
SV: Dann wünsche ich viel Erfolg für diese Projekt und
bedanke mich für das Interview.
Quelle: Space View - März 2005