Ring *Con 2005 Fulda, 07.10. - 09.10.2005

(Autor: Björn Springorum, Zeitschrift: Orkus)

In der Lobby des Fuldaer Messe- und Kongresshotels Esperanto herrscht emsiges Treiben. Für das routinierte Personal des Hauses zwar alltägliches Geschäft, dennoch ist an diesem Oktoberwochenende ein fundamentaler Unterschied zum regulären Hotelbetrieb zu beobachten. Anstelle seriöser Anzugträger tümmeln sich an der Rezeption Orks, Elben, Zwerge, Hobbits, Gondorianer und Waldläufer in friedlicher Eintracht, aufgeregt miteinander schwatzend und gegenseitig die aufwändigen Kostüme bestaunend. Kein Wunder, schließlich wurde die diesjährige Ring*Con, die weltweit größte Herr der Ringe-Convention, nicht wie üblich in Bonn, sondern zum ersten Mal in Fulda ausgetragen, und tausende hartgesottene Tolkien-Fans waren bei herrlichem Herbstwetter dem Ruf in die schmucke Domstadt gefolgt. Drei Tage volles Programm erwartet die leidenschaftlichen Herr der Ringe-Anhänger, und auch wenn im Vorfeld die Absagen solch hochkarätiger Stargäste wie Sean Astin (Sam), David Wenham (Faramir) und Designgott Johm Howe kurzzeitig dunkle Wolken über der Convention heraufbeschworen hattten, nahmen die Besucher diese Hiobsbotschaften erfreulich ruhig hin. Man wollte sich ein derart geniales Event eben nicht verderben lassen. Bei der freitagmorgendlichen Pressekonferenz hatten die Medien Gelegenheit, Leuten wie Tolkiens Urenkel Royd Tolkien, zu Vorträgen eingeladenen Universitätsdozenten oder dem „Master Of Ceremony“, Entertainertalent Marc B. Lee, sowie einer Reihe charismatischer Nebendarsteller wie Mark Ferguson (Gil-Galad), Peter Tait (Shagrat) oder Thomas Robins (Déagol) auf den Zahn zu fühlen, auch wenn die erste Kontaktaufnahme etwas zaghaft verlief. Die illustren Gäste schien das allerdings kaum zu stören; es wurde gewitzelt, gelacht und einhellig vom deutschen Bier geschwärmt. Mit Beginn des regulären Ring*Con-Programms hatte der Besucher die Qual der Wahl: Eine Fülle von Veranstaltungen, Diskussionen oder Staraudienzen verlangte eine Entscheidung. Dr. Rainer Nagel beispielsweise lehrte, wie Rohirrim zu reden, es wurden Workshops angeboten, in welchen man einem Elbenchor beitreten, Schwertkampf erlernen oder Gewänder selber anfertigen durfte. Natürlich konnte man auch über den riesigen Mittelerdemarkt schlendern, welcher mit der wohl maximalen Auswahl jeglicher erdenklicher Herr der Ringe-Momorabilia lockte, Fanherzen höher schlagen und Geldbeutel leerer werden ließ. Auf jenem Markt sowie in der so genannten Party Zone spielte sich über das Wochenende verteilt mit Schelmisch, Glendalough, Elane, Die Streicher und Minotaurus eine bunte Mischung folkiger oder mittelalterlicher Formationen auf, qualitativ leider wie eine Schere auseinander klaffend. War bei diesen Aktivitäten noch immer nichts für das Seelenheil des von weit angereisten Anhängers dabei, so konnte er sich in den wunderschön gestalteten und wie magisch ausgeleuchteten Valinor-Saal begeben und den Auftritten aller Stargäste oder der pompösen Eröffnungszeremonie beiwohnen. Auffällig bei sämtlichen Einlagen dieses Wochenendes war insbesondere die phantastische Stimmung der Prominenten und des Publikums. Es wurde gejubelt, gelacht und fleißig, um nicht zu sagen: frenetisch applaudiert, was gerade den kleineren Nebendarstellern offensichtlich enorm gut tat. Unter ausmahmslos kurzweiligen und unterhaltsamen Panels stachen speziell die Auftritte von Schauspielerin Lori Dungey (sie verkörperte Hobbit-Frau Straffgürtel auf Bilbos Geburtstagsfeier), die mit Mark Ferguson eine spontane Improvisationsszene zum Besten gab, sowie des Tolkien-Urenkels Royd hervor, welcher sich charmant britisch und ungemein sympathisch zeigte und unter tosendem Beifall der vornehmlich weiblichen Fans auch mehrfach betonte, Single zu sein.

Interview mit Tolkiens Urenkel Royd Tolkien

Der Eindruck, den Royd bei seinem Panel in der Hauptrolle hinterließ, bestätigte sich auch in einem halbstündigen Gespräch. In einem eigens hergerichteten Interviewraum trafen wir auf den an eine Kreuzung aus Hugh Grant und Paradise Lost-Frontsänger Nick Holmes gemanhnenden Mann mit dem weltbekannten Nachnamen und machten es uns auf einer riesigen gemütlichen Ledergarnitur bequem. „Unfassbar, was für ein Aufwand um mich getrieben wird“, schüttelt der völlig verblüffte Waliser den Kopf. Er mache ständig nur Photos, damit er seinen Freunden in der Heimat beweisen könne, welch gewaltiges Ausmaß das Schaffen seines Urgroßvaters angenommen hat. Erinnerungen an seinen Ahnen hat Royd indes so gut wie keine, beim Tode John Ronald Reul Tolkiens war er gerade zarte vier Jahre alt. Geschichten und Anekdoten zirkulieren in der Familie Tolkien aber zuhauf. „Alle schildern meine Urgroßvater als sehr tüchtigen Mann, der einfach wahnsinnig viel und an diversen Dingen zugleich arbeitete. Er muss das größte Multitaskgenie seiner Zeit gewesen sein“, scherzt der 36-jährige Musikmanager. Selbstredend kam der heute in einem kleinen Städtchen im malerischen Wales lebende Royd bereits früh in Kontakt mit den Schriften seines auch damals schon hochverehrten Vorfahren. „Den Hobbit las ich das erste Mal mit neun Jahren, Der Herr der Ringe dann mit elf oder zwölf. Mich fasziniert noch heute die Möglichkeit des Eintauchens in eine andere Welt, der Flucht aus der Realität. Ich muss jedoch sagen, dass der Hobbit mein liebstes Buch unter seinen Werken ist.“ Die Frage nach seiner persönlichen Lieblingslandschaft in Mittelerde zu beantworten, fällt dem Cricketfan derweil nicht leicht: „Ich schätze, ich würde mich für das Auenland entscheiden. Natürlich, es ist dort sehr ruhig und beschaulich, doch ich wohne in einem Dörfchen in Wales, und mein Urgroßvater hat das Auenland ja nicht ohne Grund so entworfen“, grinst er. In Anbetracht der Tatsache, dass Royd in den epischen Peter Jackson-Streifen als gondorianischer Waldläufer zu sehen ist, lässt sich bereits vermuten, dass er auch ein begeisterter Anhänger der Adaption ist. Rody nickt: „Absolut, ich liebe die Filme und bin überaus stolz, ein kleiner Teil dieser Megaproduktion gewesen zu sein.“ Trotzdem ist Royd das einzige Familienmitglied, welches Conventions besucht und somit ein aktiver Part der Herr der Ringe-Manie geworden ist, und wiewohl der selber nicht schrifstellerisch tätig ist, ist er ein großer Freund des geschriebenen Wortes, wie nicht zuletzt der Name seines Sohnes beweist: Royd taufte ihn Story.

Auch für das restliche Wochenende ist die Ring*Con im vollen Gange, erfüllt sehnlichste Fanwünsche, liefert ein unglaublich hochwertiges Programm und wieder und wieder die phantasievollsten Gewandungen: Ents tauchen auf, Grima Schlangenzunge schleicht grimmig dreinblickend durch die Gänge, und sogar die Argonath (die gigantischen Steinfiguren der altvorderen Könige) geben sichdie Ehre. Immer wieder mischen sich auch die anwesenden Stargäste unters Volk, geben Autogramme oder plauschen mit den Fans. Höhepunkt des weiteren Verlaufs des Meetings ist zweifellos das einstündige Streitgespräch über die Verfilmungen des ehemaligen Splatter-Gottes Peter Jackson. Während Linguistikprofessor Frank Weinreich die Werke verteidigt, greift der rennomierte Autor Friedhelm Schneidewind bestimmte Schwachstellen der Inszenierung kritisch und überaus humorvoll an. Das Ergebnis: ein knapper Sieg für den Gegner der Leinwandumsetzung und eine feinsinnige sowie enorm humorvolle Debatte. Ebenfalls für beste Unterhaltung sorgte die russische Parodie The Trouble Of The Rings, die in jahrelanger Arbeit realisiert wurde und Tolkiens phantastische Welt auf liebevolle und äußerst professionelle Art durch den Kakao zieht. Respektvoll, versteht sich. Ein verteufelt echt wirkendes Aragorn-Double aus dem Schwabenland und einen farbenfrohen Kostümwettbewerb später geht auch der Samstag sehr ereignisreich zu Ende. Letzter Tag in Fulda und zugleich starahlendstes Highlight: Billy Boyd aka Pippin gibt sich die Ehre. Rettung für die vielen fern gebliebenen Prominenten, könnte man meinen, und so feiern die Fans ihren „Pip“ gebührend ab. Dank all der interessanten Vorträge, Veranstaltungen und Workshops fiel das Fehlen der „großen Namen“ nicht wieter ins Gewicht, weshalb die diesjährige Ring*Con als rundum gut organisiert und extrem anhängerfreundlicher Erfolg beurteilt werden darf. Zudem wurden den Besuchern all jene Stars, welche heuer nicht erscheinen konnten, für die Auflage 2006 versprochen. Wie Gandalf schon in Die Gefährten sagte: „Und das ist ein ermutigender Gedanke.“


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