Das Kind im Mann
Aufgekratzt läuft Orlando Bloom über den Flur des „Beverly Regend Wilshire Hotel“ in Los Angeles. Ein großer schwarzer Hund folgt ihm. „Come on“, spornt Bloom den schon hechelnden Labrador an. Als der ihn schließlich einholt, lässt sich der 27-jährige Hollywood Star auf den Rücken fallen und rollt auf dem Boden herum, als wäre er selbst noch ein junger Hund. Dann endlich reißt Orlando sich los, wirft seine langen Haare zurück, die er sich für seine Rolle des Ritters Balian im „Kreuzfahrer-Epos Königreich der Himmel“ wachsen ließ, und lächelt freundlich. Seine Begrüßung ist ein artiges, britisches „How are you?“, dann dreht er seine Wasserflasche auf und nimmt einen kräftigen Schluck. An seinem Handgelenk reihen sich unzählige Armbänder und Bindfäden aneinander. Symbole für Freundschaft, die ihm so wichtig ist, wie der gebbürtige Brite später erklären wird, als wir ruhig auf dem Sofa sitzen. Er sucht Normalität jenseits des Rummels – vielleicht weil er sich wegen zu viel Stress von seiner Freundin Kate Bosworth getrennt hat.
Hey, ihr Hund ist ja doch nicht verloren gegangen!
Nein, wie kommen sie denn darauf?
Kürzlich wurde im Internet vermeldet: Orlando Bloom
hat seinen Hund verloren.
Herrlich, da tauchen die seltsamsten Meldungen auf. Aber auf meinen Hund passe
ich immer besonders gut auf.
Sie sind ohnehin ein großer Internet-Star. Wissen
Sie, dass, wenn man Sie „googelt“, mehr als zwei Millionen Treffer
auftauchen?
Unfassbar, das wusste ich nicht. Ich sollte wohl mal wieder häufiger online
gehen.
Wie gehen Sie mit dem unglaublichen Interesse an Ihrer
Person um?
Berühmtheit ist ein merkwürdiges Tier. Er ist ja nichts weiter als
eine Wahrnehmung, die andere Menschen von dir haben. Es ist eine fixe Idee.
Mehr nicht. Mit mir selbst als Person muss ja nur ich jeden Tag leben. An die
Aufmerksamkeit der Fans musste ich mich ganz langsam gewöhnen, bis heute
habe ich da so meine Schwierigkeiten.
Sind Sie ehre ein privater Mensch, der
sich gerne zurückzieht?
Ganz bestimmt! Ich halte dieses Stargetümmel für sehr kompliziert.
Auf einmal wird man auf einen hohen Sockel gestellt und soll als Vorbild für
Kids dienen. Da kommt auf einem eine echte Verantwortung auf einen zu.
Wie gehen Sie mit der Verantwortung um?
Man muss in erster Linie ehrlich zu sich und seiner Umgebung sein. Wenn man
das nicht schafft, erfährt man auch niemals, was echtes Glück, echter
innerer Frieden bedeutet. Wenn jeder Mensch ein bisschen mehr Verantwortung
für seine Taten übernehmen würde, dann hätten wir wohl weniger
Ärger auf der Welt, oder?
Spricht da der Buddhist in Ihnen?
Ja, diese Philosophie fasziniert mich sehr. Der Buddhismus hilft mir, verschiedene
komplizierte Dinge in meinen Leben zu verstehen – und dabei, meinen Weg
im Leben zu finden.
Sind Sie ein Mann auf der Suche nach Antworten?
Sicher bin ich das? Sind wir das nicht alle? Ich nahm die Rolle des Ritters
Balian in „Königreich der Himmel“ auch nur deshalb an. Meine
Figur ist auf einer Reise zu sich selbst. Und ich fühlte mich ebenso auf
einem Kreuzzug zu mir selbst, zu gewissen Antworten im Leben.
In der Story geht es um große Dinge wie Ehre und
Toleranz. Wie stehen Sie dazu?
Liam Neeson fragt in den Film, was wohl wäre, wenn am Ende des Weges Liebe
anstelle von Hass, Frieden anstelle von Krieg läge. Ich hoffe, dass die
Zuschauer erkennen, dass es durchaus Parallelen von der Botschaft der mittelalterlichen
Handlung zum heutigen Leben gibt. Ich hoffe, dass die Menschen endlich erkennen
– und was ein bisschen Toleranz im leben für einen Unterschied machen
kann.
Sie sind als jemand bekannt, der sich sehr unter Druck
setzt, um immer gut zu sein und das Publikum nicht zu enttäuschen. Zweifeln
Sie manchmal an sich selbst?
Ich möchte in allen Facetten meines Lebens mein Potenzial voll ausschöpfen.
Nur dann bin ich zufrieden. Natürlich zweifle ich an mir und manche meiner
Entscheidungen. Das ist ein Reifeprozess, den wir alle durchmachen müssen.
In diesem neuen Epos sehen Sie nicht mehr wie ein Teenager
aus. Der Bart macht Sie älter. Ihre erste großer Rolle als Erwachsener?
Ja, es ist tatsächlich meine erste richtig große Hauptrolle. Und
Sie haben Recht: ich fühle, dass der Übergang vom jugendlichen Helden
zum Mann jetzt für mich abgeschlossen ist. Aber keine Angst, ich möchte
immer noch einige meiner Kindheitsträume ausleben.
Wie wichtig ist es Ihnen, ernst genommen zu werden?
Ich möchte der Welt schon etwas hinterlassen. Bisher hatte ich viel Glück
mit meinen Filmen. Ich sollte jetzt vielleicht einfach aufhören, dann kann
ich keine großen Fehler mehr machen.
Sie sollen einmal gesagt haben, dass Sie verliebt sind
in die Idee der Liebe. Ist da was dran?
Hört sich interessant an. Ich weiß nicht, ob ich das gesagt habe,
aber ich glaube schon, dass es stimmt. Wir lieben doch alle die fantastische
Vorstellung von einer großen Liebe. Aber die eigentliche Realität
dieser Liebe ist nur schwer zu erreichen. So viele Dinge beschäftigen uns
im Leben, da fällt es nicht leicht, sich die Zeit zu nehmen, um die echte
Liebe zu finden.
Die Frauen müssen doch Schlange stehen, um einmal
mit Ihnen zum Dinner gehen zu dürfen?
Nein, die Mädels heute sind viel zu cool. Außerdem lieben alle nur
Johnny Depp. Er ist das große Los. Ich bin immer noch der kleine Bruder
von Johnny.
Haben Sie das Gefühl, dass der Ruhm für Sie
zu schnell kam?
Ja, oft.
Wie entfliehen Sie dem Stress des Prominentseins?
Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit meinen Freunden und mit meiner
Familie. Ich reise gern nach Brasilien, um dort Ferien zu machen. So lange ich
nicht meine Seele verkaufe und Rollen nur annehme, weil sie viel Geld bringen
oder ich deshalb das Mädchen kriege, so lange ist alles okay.
Wie normal ist Ihr Leben noch?
Wissen Sie, es gibt tatsächlich Menschen in Hollywood, die normal sind.
Man muss sich ja nicht die ganze nur mit Schauspielern und anderen Berühmtheiten
umgeben. Ich verbringe Zeit mit Leuten, die normale Leben führen und normale
Probleme wälzen. Diese Leute kümmert es herzlich wenig, wer ich bin.
Im Leben geht es immer um Entscheidungen. Wir haben die Wahl, wie wir unser
Leben verbringen.
Sie sind auch ein großer Fan des Independent-Kinos
jenseits der großen Hollywood-Studios, stimmt das?
Ja, das stimmt. Deswegen machte ich auch den Indie-Film „Calcium Kid“.
Wir brauchen diese Filme in unserer Industrie. Sie sind wichtig, weil sie ein
anderes Kino zeigen, eines, das auch ohne viel Geld und Aufsehen existieren
kann. Leider fehlt ihnen am Ende meist die Marketing-Maschine, die Filme wie
„City of God“ – den ich geliebt habe – zum Publikum
bringt.
Glauben Sie, dass sie irgendwann auch hinter der Kamera
arbeiten werden?
So weit denke ich noch nicht. Ich habe zwar gerade als Co-Produzent für
den Film“ Haven“, der bald ins Kino kommt, gearbeitet, aber im Moment
habe ich noch viel Spaß vor der Kamera.
Jetzt geht’s gleich wieder in den Flieger Richtung
Süden, stimmts?
Ja. Ich drehe dort die Fortsetzung von „Fluch der Karibik“ mit Johnny
Depp. Gott sei Dank ist Johnny auf dem Set. Über zu viel Aufmerksamkeit
von den weiblichen Fans muss sich dann sonst niemand Gedanken machen, und ich
habe schön mein Ruhe.
Quelle: Cosmopolitan Mai Ausgabe 2005