Als Elbenprinz Legolas begeisterte Orlando Bloom Millionen Mädchen.
Im „Fluch der Karibik“ entert er als Pirat zum Ober-Teenieschwarm
auf
Die Wege des Herzens sind bekanntlich unergründlich – und die von
jungen Mädchen ganz besonders. Nur wenn sich diese in Millionenstärke
vereinen, wenn sich die Fanbegeisterung auf ein Objekt der Begierde fixiert,
hat es die Welt mit einem Phänomen zu tun, das nach Erklärung verlangt.
Der Normalmensch, sogar der durchschnittliche Kinogänger jenseits der 20,
hat den Namen wahrscheinlich noch nie gehört oder zumindest registriert.
Doch für den Teenager weiblichen Geschlechts gibt es nur einen: Orlando
Bloom. Kein anderer junger Schauspieler wird auf so vielen Websites im Internet
von jugendlichen Anhängerinnen angehimmelt. Legolas war er in den beiden
bisherigen „Herr der Ringe“-Epen, ein ätherisch-androgynes
Wesen mit unförmigen Spitzohren und langen, fast schlohweißen Haaren.
Und als ebenjener Bogenschütze vom Fabelvolk der Elben verstand er es nicht
nur, riesige Orks unschädlich zu machen, sondern sich auch mit seinen Pfeilen
tief in die Herzen kleiner Mädchen zu bohren.
Der Schwarm der Kids – eine Rolle, die er inzwischen auch zu spielen
gelernt hat, wenngleich er sehr viel viriler daherkommt. Braun gebrannt, mit
dunklen Locken und einem Anflug von Schnurr- und Kinnbart sitzt der Shooting-Star
in einer Londoner Hotelsuite, auf kurzem Stopover zwischen Malta und Mexiko,
wo gerade Wolfgang Petersens „Ilias“-Version „Troja“
entsteht und Bloom an der Seite von Brad Pitt den Prinzen Paris mimt. So ist
sein wirklicher Look, und so sieht man ihn auch in der Piratenfilm-Travestie
„Fluch der Karibik“, einer der wenigen US-Sommer-Blockbuster.
Wahnsinniges Glück habe er bisher mit seinen Rollen gehabt, dabei sei er
doch nur „ein Junge aus der englischen Grafschaft Kent“, gibt er
ganz das bescheidene Nachwuchstalent. Man könnte ihm die bubenhafte Natürlichkeit
glatt abnehmen, wenn er sich nicht andauernd übers knappe T-Shirt fahren
und so verlegen-frivol Brust und Bauch streicheln würde. Und wenn man darüber
hinwegschaute, dass dieser Junge nicht 16, sondern bereits 26 ist.
Hat er denn das „Swashbuckling“ genossen, das klabauternde Säbelrasseln?
„Nicht wirklich. Mit Bob Anderson, der schon bei ‚Der Herr der Ringe’
dabei war, hatten wir einen tollen Schwertmeister. Er ist Ende 70 und hat schon
Errol Flynn gezeigt, wie man die Klingen kreuzt. Ansonsten bin ich viel geschwommen
und trieb mich auf den Segelschiffen herum“, beschwichtigt der Piratenlehrling
schnell – schließlich ist „süß“ das Hauptmerkmal,
mit dem ihn seine Verehrerinnen auf mehr als 200 Fan-Sites charakterisieren.
Und wenn er mal an Land ging auf der Karibikinsel St. Vincent?
„Will ist kein Prahlhans“, weicht Bloom gleich wieder auf seine
Filmfigur aus. „Er ist geradeheraus, ein aufrechter Schmiedgeselle, der
die ganze Bandbreite des Lebens kennen lernt. Und als er sich mit Captain Jack
Sparrow (Johnny Depp) zusammentut, öffnen ihm diese Abenteuer sicherlich
die Augen. Sparrow ist der klassische Aufschneidertyp.“
N dieser äußerst amüsanten und überraschend schrägen
Kino-Adaption einer Disneyland-Attraktion verkörpert Depp einen bizarren
Oberseeräuber, in einer unglaublich unterhaltsamen Mischung aus trunkener
Nonchalance und tuntiger Exaltierheit.
„Er hat diese besoffene ‚Keith Richards der Meere’-Nummer
einfach so aus dem Hut gezaubert“, sagt Bloom voler Bewunderung. „Er
ist ein toller Schauspieler, den ich immer verehrt habe – er hat mir viel
beigebracht, ein echter Gentleman.“
Die Teenieschwarm-Erbfolge von Stars wie Brad Pitt, Johnny Depp und Leonardo
DiCaprio geht nun an Bloom über. Von ersteren beiden ließ er sich
karrieretechnisch beraten. Von Depp lernte er, sein Privatleben abzuschotten.
Schließlich ist die Aura des Reinen und Unschuldigen, die Bloom bisher
ausstrahlte, immer noch sein größtes Kapital. Ein Leinwand-Charisma,
das ohne die Verlockung von Sex und Leidenschaft auskommt, die auf kleine Mädchen
bedrohlich wirken könnten. Damit sticht er ja auch erfolgreich seine juvenilen
Hollywood-Konkurrenten wie Elijah Wood („Herr der Ringe“), Josh
Hartnett (Pearl Harbor“) oder Heath Ledger („Ritter aus Leidenschaft“)
aus, mit denen er pikanterweise jeweils schon gemeinsam vor der Kamera stand.
Und Ashton Kutscher („Voll verheiratet“) hat sich durch seine Affäre
mit der 16 Jahre älteren Demi Moore ohnehin bei den Teenies disqualifiziert.
Was natürlich noch mal den Blick auf den gar nicht mehr so jungen Mann
lenkt, der in seinem Kinodebüt „Oscar Wilde“ einen Lustknaben
spielte und in „Black Hawk Down“ kaum erkennbar als Marinesoldat
mitkämpfte; den seine Eltern nach Virginia Woolfs Romanhelden Orlando tauften
und der in „Troja“ nun einen greisen Vater namens Peter O’Toole
verpasst bekam.
Ein gewisser Colin Farrell (FOCUS 32/03) agiert in Hollywood in einer ganz anderen
Liga – verkörpert nicht nur böse Buben und Sexsymbole, sondern
genießt seine privaten erotischen Eskapaden ohne jede Scheu. Farrell ist
27 und Ire – Bloom ein Jahr jünger und Brite. Ob das den Unterschied
ausmacht?
Artikel von Harald Pauli & Catherine Mayer - Focus