Liv Tyler
Während der Dreharbeiten zu "Der Herr der Ringe" hatte Liv Tyler nur einen Gedanken
im Hinterkopf: wieder ein normales Leben zu führen, abends einfach nach Hause
gehen zu können. Und in Zukunft nur noch Filme zu drehen, die weniger Anspruchsvoll
sind, in denen sie ganz normale Frauen spielt, ganz anders als der komplexe
Charakter Arwen. Doch als die Trilogie einmal fertig gestellt war, musste die
Schauspielerin feststellen, dass es gar nicht so einfach war, wieder ein normales
Leben aufzunehmen. Erklärung
Hast du heute - mit dem nötigen Abstand - gute Erinnerungen
an die Dreharbeiten von "Der Herr der Ringe"?
Ich möchte ihnen nicht verheimlichen, dass ich mittendrin schon mal ein bisschen
die Nase voll hatte. Nie zuvor habe ich dermaßen anstrengende Dreharbeiten mitgemacht
und so hatte ich wirklich Mühe, mich an den Arbeitsrhythmus zu gewöhnen. Im
Rückblick muss ich aber zugeben, dass ich sehr viel gelernt habe. Es war ein
fantastisches Abenteuer und ich fühle mich dadurch erwachsener und wesentlich
verantwortungsbewusster als vorher.
Warum waren die Dreharbeiten der Trilogie denn so anders als andere
Filmproduktionen?
Vor dem "Herrn der Ringe" habe ich in "normalen" Filmen gespielt, wenn man das
so ausdrücken kann. Ich hatte den Eindruck, am Morgen zur Arbeit zu gehen, meinen
Job zu erledigen und abends in Ruhe nach Hause gehen zu können, wie jeder andere
auch. Die Aufnahmen zur Trilogie waren eindeutig nicht so. Über einen Zeitraum
von fast vier Jahren lebten wir abgeschnitten vom Rest der Welt und von unseren
Gewohnheiten. Der Film war sozusagen unser Leben, er nahm enorm viel Zeit und
Arbeit in Anspruch. Es konnte zum Beispiel passieren, dass wir am Abend, als
wir schon schlafen gegangen waren, ein neues Skript mit völlig veränderten Texten
für den nächsten Drehtag bekamen. Bei den so genannten normalen Dreharbeiten
hätte ich zweifellos gesagt: "Sorry, aber ich lege mich jetzt hin, wir sehen
uns das morgen früh an!"
Und hier, was passierte in diesem Fall?
Wie alle anderen Schauspieler auch, nahm ich das neue Skript, klagte nicht,
sondern fing an, mitten in der Nacht die neuen Texte zu lernen, um sie vor Tagesanbruch
auswendig zu können. Es war eher die Regel, dass die Drehtage schon sehr früh
begannen; um fünf Uhr morgens fand ich mich bereits bei der Maskenbildnerin
ein, noch im Halbschlaf. All dies trug dazu bei, dass die Drehtage zur Trilogie
wirklich anstrengend waren, doch ich lernte sehr viel dabei. Nach diesem Abenteuer
werden mir alle anderen Drehs sehr viel erholsamer vorkommen....
Du hast erzählt, dass du während der Dreharbeiten davon
träumtest, eine moderne Heldin zu verkörpern, ohne Latexohren und komplizierten
Kostüme...... Direkt nach "Der Herr der Ringe" hast du jedoch eine ganz ähnliche
Rolle in "Jersey Girl" angenommen. War das so einfach und erholsam, wie du gehofft
hattest?
Um die Wahrheit zu sagen, fühlte ich mich zu Beginn der Dreharbeiten von "Jersey
Girl" ein wenig auf verlorenem Posten. Als ich am Set ankam, war einer meiner
ersten Reflexe die Suche nach dem blauen Hintergrund, der für die Spezialaufnahmen
benutzt wird. Bei "Der Herr der Ringe" drehten wir permanent mit solchen blauen
Bühnenbildern und ich war es gewöhnt, meine Szenen vor diesem Hintergrund zu
spielen. Ich wusste, dass die Bilder hinterher mit viel Aufwand bearbeitet wurden.
Das bedeutet, dass die verdrehten Szenen nie definitiv waren, sie wurden im
nachhinein immer nochmals überarbeitet. Das führte dazu, dass ich mir selbst
bei Szenen, die ich eher mittelmäßig fand, immer sagen konnte: "Wenn die Spezialeffekte
erstmal eingebaut sind, wird es schon gehen." Und das war auch meistens der
Fall. Bei "Jersey Girl" hingegen musste ich mich an den Gedanken gewöhnen, dass
die Aufnahme definitiv war und nichts hinterher durch Spezialeffekte verändert
und verbessert würde. Für mich war das einerseits beängstigend - ich musste
ohne Netz arbeiten, kam mir völlig nackt dabei vor.....
In "Die Rückkehr des Königs"
interpretierst du ganz ausgezeichnet das Lied von Arwen. Würdest du gerne
eines Tages in die Fußstapfen deines Vaters (der Sänger der Gruppe
Aerosmith) treten und eine Musikkarriere starten?
Ich sang schon gerne, als ich noch sehr klein war, es war immer schon eine Leidenschaft
von mir. Wenn meine Mutter mich nicht dazu ermutigt hätte, Schauspielerin zu
werden, hätte ich mich wohl ganz selbstverständlich eher in Richtung Musikerin
entwickelt. Obwohl ich heute ganz bestimmt nicht die Absicht habe, eine Platte
zu veröffentlichen, gebe ich zu, dass ich liebend gerne in einem Musical spielen
würde, so dass ich zugleich singen und schauspielern könnte. Ich hoffe, diesen
Traum eines Tages zu verwirklichen.
Du bist seit mehr als einem Jahr mit dem Sänger Royston Langdon
von der Gruppe Spacedog verheiratet. Wie vereinbarst du das Eheleben mit deiner
Schauspielkarriere?
Es ist nicht immer einfach, doch ich tue mein Bestes. Sobald ich nicht arbeiten
muss, fahre ich nach Hause um soviel Zeit wie möglich mit meinem Mann zu verbringen,
in Ruhe, weit weg von den mondänen Feten Hollywoods. das ist mir sehr wichtig.
Ich lege viel Wert darauf, trotz all der Fotografen ein möglichst normales Leben
zu führen, um mich nie für eine Prinzessin zu halten.