Die große Fantasy-Trilogie kommt ins Kino: Der Herr
der Ringe
MOVIESTAR sprach mit Regisseur Peter Jackson
BAD TASTE und BRAINDEAD machten ihn zum unübertroffenen Meister des Fun-Splatters,
doch mit der sensiblen Charakterstudie HEAVENLY CREATURES verstörte er
viele seiner Fans und feierte bei denen Erfolge, die ihn für einen Ekel-Regisseur
hielten. Nach seinem Kommerz-Ausflug THE FRIGHTENERS will der Neuseeländer
nun DER HERR DER RINGE verfilmen.
Moviestar: Wie lange brauchen Sie zu HERR DER RINGE, wie teuer wird der Film,
und wer wird mitspielen?
Peter Jackson: Hey, langsam (lacht)! Es gibt noch keine konkreten Namen. Wir
casten schon seit zwei, drei Monaten. Deshalb bin ich auch momentan in Europa.
Wir nehmen keine Stars, denn es wird drei Filme geben, wir werden 18 Monate
in Neuseelanddrehen, und es gibt kaum bekannte Schauspieler, die so lange an
einem Projekt arbeiten wollen. Zudem wollen wir unser Geld nicht verschwenden,
man soll es auf der Leinwand sehen. Wir möchten die beste Qualität
für den Film erreichen! Seit zwei Jahren arbeiten wir jetzt schon an diesem
Projekt, und es wird weitere drei Jahre dauern, bis alles fertig sein wird.
DER HERR DER RINGE wird also fünf Jahre in Anspruch nehmen! Im Septemberbeginnen
die Dreharbeiten, es wird zwischendurch kleine Pausen für die Post-Production
geben. Der erste Film soll 2001 in die Kinos kommen, wann genau weiß ich
noch nicht. Die anderen Filme sollen im Abstand von fünf bis sechs Monaten
folgen.
MS: Wie sehen die Hobbits aus?
Peter Jackson: Nun, Tolkien beschreibt sie fast wie Kinder mit großen
Füßen. Es wäre keine gute Idee, die Hobbits am Computer zu generieren,
denn wir wissen wohl alle noch, wie furchtbar die Menschen in TOY STORY aussehen.
Die Hobbits sollen schließlich die Herzen der Zuschauer gewinnen. Wir
haben Leinwandtests mit Kindern und kleinwüchsigen Menschen gemacht. Die
beste Art, einen Hobbit glaubhaft darzustellen, ist, einen Menschen von knapp
1,60 m zu nehmen – also ungefähr meine Größe – und
ihn auf einen Meter runterzuschrumpfen. Sie sehen dann sehr echt aus, aber auf
den ersten Blick auch sehr seltsam. Es sind miniaturisierte Erwachsene –
für mich echte Hobbits!
MS: Haben Sie sich bei den Sets von den zahlreichen existierenden Illustrationen
inspirieren lassen?
Peter Jackson: Wir wurden von zwei Künstlern inspiriert, Alan Lee und John
Howe. Beide haben im Laufe der Jahre Bücher illustriert und waren für
ein knappes Jahr in Neuseeland. 1992 hat Alan Lee für eine Ausgabe von
„Lord of the Rings“ Aquarelle gemalt, und seine Kunst war definitiv
eine Inspiration für uns. Alan und John werden keine herkömmlichen
Sachen kopieren, alles wird neu erschaffen. Sie designen alles, von Burgen bis
zu einem Tisch. 70 % der Arbeit ist vollbracht. Wir wenden uns nun Sachen wie
den Stühlen zu, die Gebäude und Landschaften sind fertig!
MS: Wie sieht es eigentlich mit Ihrer kreativen Freiheit aus?
Peter Jackson: Bisher hat uns noch keiner befohlen, was wir tun sollen.
MS: Kein Druck vom Studio?
Peter Jackson: Nein, alles läuft großartig, ich habe alle Freiheiten,
die ich brauche. Es ist gut, dass die Jungs von NEW LINE selber große
Fans des Buches sind. Die wollen gar nicht, dass die Verfilmung Hollywood angepasst
wird, die mögen das Buchen so, wie’s ist! Der Film soll schließlich
das Feeling von Tolkien rüberbringen, er wird in mancher Hinsicht nicht
haargenau wie das Buch sein, vieles wird anders sein und doch auch nicht –
das hört sich jetzt seltsam an -, aber auf jeden Fall wird es immer noch
das Buch sein!
MS: Sie sind für Ihren großartigen Humor bekannt. In Tolkiens
Buch gibt es auch Humor, aber da ist auch der düstere Unterton. Wird das
beibehalten?
Peter Jackson: Der Film wird definitiv Tolkien sein. Wir werden verschiedene
Situationen vielleicht etwas komischer gestalten, und die lustigen Sätze
werden eventuell auch nicht buchstabengetreu sein, aber wir werden keine gravierenden
Veränderungen zum Buch vornehmen! Natürlich wird ein ernsthafter Charakter
wie Gandalf nicht plötzlich zur Comicfigur werden. Wir ändern nur
einige Sachen etwas ab, die düstere Stimmung behalten wir bei!
MS: Stimmt es, dass die Armee Neuseelands bei Massenszenen aushelfen
soll?
Peter Jackson: Die Regierung unterstützt uns wirklich sehr, der Film bringt
auch viel Geld nach Neuseeland – soviel wie unsere Weinindustrie in einem
ganzen Jahr erwirtschaftet! Der Premierminister hat uns besucht und gefragt,
womit er uns helfen könnte, und ich meinte, dass die Armee ein guter Anfang
wäre (lacht)! Wenn man Hilfe von der Regierung bekommt, dann darf man nicht
unbedingt ans Geld denken, denn das wollen sie nicht rausrücken, und die
Army hat ja eh nichts zu tun bei uns. Es gibt kein Land, wo wir jetzt gerade
'ne Invasion vornehmen könnten, selbst an den Fidschi-Inseln haben wir
kein Interesse! Die Armee wird uns bei den Kampfszenen helfen, aber für
die monumentalen Szenen werden wir CGIs (Anm: CGI = Computer Generated Images
– zu Deutsch: Computergenerierte Bilder) einsetzen, denn da werden 50.000
bis 60.000 Leute gegeneinander kämpfen! Seit zwei Jahren schreiben wir
an einem Computercode, der uns in die Lage versetzen wird, diese Computersoldaten
richtig miteinander kämpfen zu lassen. Diese Soldaten sehen sehr echt aus,
woran wir seit zwei Jahren arbeiten, ist eine Art künstliche Intelligenz.
Wenn wir 100.000 kleine Soldaten erschaffen, werden alle sozusagen ihr eigenes
Hirn haben, sie haben dann die Fähigkeit, einen gegnerischen Soldaten zu
erkennen, und sie werden den Feind angreifen, und ihre Gegner werden sich dann
mit einem Schild schützen. Diese Jungs werden sich wirklich bekämpfen,
darauf haben wir sie trainiert, und wir müssen gar nichts weiter tun, als
den Knopf zu drücken. Das ist echt superlustig, und wir wissen noch nicht
mal genau, was passieren wird! Wir können zwar die eine Armee etwas stärker
machen als die andere wie bei einem Videospiel, wo man festlegt, dieser Typ
kann sechs Treffer einstecken, bevor er zu Boden fällt, und der andere
kann zehn verkraften, wir können die Figuren auch entsprechend positionieren,
hier 1000 Elben, dort 1000 Zwerge, da drüben 3000 Orks und noch ein paar
berittene Kämpfer, aber sobald es losgeht, passiert alles ohne jegliche
Kontrolle, die Reiter werden die Orks sehen und denken „Hey, ich mach
euch kalt“ (lacht), und dann geht die Action so richtig los, und wir werden
dasitzen und zusehen, das Ganze ist wirklich erstaunlich. Dies wird speziell
für die Massenszenen eingesetzt werden.
MS: Können Sie eigentlich schon an die Zeit nach LORD OF THE RINGS
denken, an eine neues Projekt vielleicht?
Peter Jackson: Danach ist erst mal Urlaub angesagt, man nennt es auch „in
Rente gehen“ (lacht)! Es gibt natürlich noch Stoffe, die mich interessieren,
aber das sind Sachen, die kleiner sind. Fünf Jahre sind eine verdammt lange
Zeit für einen Film – nun gut, eigentlich sind es ja drei! -, aber
danach plane ich wieder Filme, die innerhalb eines Jahres entstehen. Ich würde
liebend gern ein Sequel (Anm: Sequel = Fortsetzung) zu BAD TASTE drehen oder
auch andere Splatterfilme. Fran Walsh und ich möchten auch gern wieder
einen Film mit einem wahren Hintergrund machen wie HEAVENLY CREATURES. Das war
eine tolle Erfahrung. Man muss Nachforschungen anstellen, Leute interviewen,
Polizeiakten durchlesen – es gibt schon ein neues Projekt dieser Art,
das ich ins Auge gefasst habe.
MS: Ich konnte nach BAD TASTE und BRAINDEAD erst gar nicht glauben, dass HEAVENLY
CREATURES von Ihnen ist. Wie sind Sie darauf gestoßen?
Peter Jackson: Es war ein berühmter Mordfall in Neuseeland, aber ich wusste
nicht viel darüber. Doch Fran hatte schon mit zwölf Jahren ein Buch
darüber gelesen. Als BRAINDEAD gedreht wurde, sprachen wir darüber,
dass das ein toller Film werden könnte. Noch während der Dreharbeiten
fingen wir mit unseren Nachforschungen an, und als ich tagsüber BRAINDEAD
schnitt, schrieb ich abends am Drehbuch zu HEAVENLY CREATURES. Es ist fast immer
so, dass ich bereits mit dem nächsten Projekt beginne, während ich
das aktuelle fertig stelle.
MS: Denken Sie, dass das Sequel zu BAD TASTE den Gore-Faktor (Anm: Gore = Blut,
Gewalt) von BRAINDEAD noch mal steigern kann?
Peter Jackson: Was ich gerne machen würde – aber da wir mir bestimmt
jemand zuvorkommen -, wäre ein Splatterfilm gänzlich mit Computereffekten.
Die Titanic und die Saurier wurden schon so zum Leben erweckt, und der ultimative
CGI-Splatter wäre mein Traum.
MS: Werden Sie in HERR DER RINGE einen Cameo-Auftritt (Anm: Cameo = versteckte
Auftritte von der Filmcrew in einem Film) haben?
Peter Jackson: Ja, aber ich weiß noch nicht, wie.
MS: Stimmt es, dass es bei der Ausstrahlung Ihrer Pseudo-Dokumentation
FORGOTTEN SILVER Ärger gab?
Peter Jackson: Was heißt Ärger, aber bei der Ausstrahlung im neuseeländischen
Fernsehen hat wohl keiner kapiert, dass das Ganze nur erfunden war. Alle Leute
haben sich darüber gewundert, dass ihnen ein so mutiger Volksheld bisher
vorenthalten wurde. Die Presse hat sich schier überschlagen. Schließlich
kam die Regierung auf mich zu, und ich musste am nächsten Tag in den Nachrichten
antreten und erklären, dass alles nur ein Film war und dieser Forscher
nie existiert hat. Es war wirklich tragisch, Neusseland entdeckte und verlor
einen Nationalhelden innerhalb eines einzigen Tages …
Quelle: Moviestar, 1999