Der Pferdeflüsterer

Wie muss ein Frauenschwarm heute sein? Der Schauspieler Viggo Mortensen ist 45, trägt nicht gerne Schuhe und zitiert schon mal Kant. Eine Begegnung.

Wenn schon der Name eines Mannes Mode ist, dann ist der Mann wohl ein Star geworden – und wenn der Name auch noch Viggo lautet, will das wirklich was heißen. Wegen Viggo Mortensen jedenfalls hat die Schauspielerin Christina Ricci ihre beiden Katzen Viggo und Viggo genannt ... Viggo Mortensen, Superstar – das „People“-Magazin hat ihn unter die 50 schönsten Menschen gewählt, und die meisten Frauenmagazine würden am liebsten Gänsehaut-Papier für Viggo-Artikel erfinden. Dafür allerdings sieht Mister Mortensen an diesem Nachmittag, tja, unspektakulär aus. Seine eigentlich klaren Gesichtszüge – eckiges Kinn, gerade Nase, kantige Wangen – scheinen heute leicht verwaschen. Selbst das Kinngrübchen schwächelt bei näherer Betrachtung. Viggo wirkt, als habe er einen Marathon hinter sich, und irgendwie stimmt das ja auch. Er hat sogar gwonnen. Bleibt die Frage: Ist er glücklich damit?


Viggo Mortensen, Schauspieler und amtlicher Frauenschwarm, seit er als „Herr der Ringe“-König Aragorn gegen das Böse kämpfte, ist an diesem Tag gekommen, um endlich seine Hauptrolle anzukündigen: „Hidalgo“, ein 90-Millionen-Dollar-Western, der seit Donnerstag in den Kinos läuft. Und das wurde auch Zeit. Mehrfach meinte man, seinen Durchbruch schon geahnt zu haben, nach der Rolle in Sean Penns „Indian Runner“ zum Beispiel. Aber irgendwie war dann statt des Durchbruchs wieder ein Tief gekommen.


Trash-Filme wie „Daylight“ mit Sylvester Stallone oder „Die Akte Jane“ mit Demi Moore. An der Seite von Gwyneth Paltrow, Nicole Kidman, Al Pacino und Denzel Washington hatte er gespielt. Und dennoch brauchte er mehr als 20 Jahre, 30 Filme und einen dreiteiligen Fantasy-Welterfolg, um seinen Namen zum Begriff zu machen. Erst jetzt, mit 45 Jahren, hat Viggo Mortensen geschafft, was Schauspieler in dem Alter und mit dieser, nun zurückhaltenden Art nur selten passiert: Sexsymbol und Star zu werden.
Vielleicht erst zur zurückhaltenden Art.


Ein einziger Anruf war es gewesen, der diesen Stressstrudel ausgelöst hat, der sich noch immer um Mortensen dreht. Am Apparat Peter Jackson, Regisseur von Herr der Ringe, der fragte, ob er nicht den Aragorn spielen wolle. Eine Woche später flog Mortensen nach Neuseeland, und seit dem ist nicht wieder zur Ruhe gekommen. Vier Jahre lang drehte er die Ringe-Trilogie. In Marokko und Nordamerika hielt er sich anschließend an einem galoppierenden Pferderücken fest.


Jetzt tourt Mortensen für „Hidalgo“: gestern Dänemark, heute Deutschland, morgen, wohin noch mal, war es Italien? Und dann sagt der neugeborene Star: „Ich habe oft darüber nachgedacht, mit dem Schauspielern aufzuhören. Wissen Sie, ich bin selten zu Hause, habe kein Privatleben.“
Das ist doch sehr zurückhaltend, oder?


Nehmen wir mal an, er hat all die Jahre auf das ganz große Hollywood-Ding gewartet: Warum also verbirgt er seine Freude jetzt? Darf ein 45-jähriger Nachdenklicher, der Schopenhauer und Knat ziziert, nicht zugeben, dass er gerne Autogramme gibt? Oder schämt er sich, dass er so lange gewartet hat? Ist es die Angst, dass es wieder nicht hinhaut? Oder die, auf den Schauspieler reduziert zu werden? Dass all die anderen Talente nun nichts mehr gelten? Jetzt legt er nämlich einen ernsten Blick und eine flache Hand auf den Katalog seiner Ausstellung „Signlanguage“ von 2002. Den und andere seiner Bücher hat er als Geschenk für die Journalisten mitgebracht und nach der Begrüßung ungefragt signiert: tief darüber gebeugt, mit konzentrierten Zügen. Heraus kam eine zackige Unterschrift aus Mortensens Bleistift. Dennoch macht er keine Anstalten, das Gespräch darauf zu lenken. Viggo Mortensen ist auch bescheiden.

Angst vor dem eigenen Gesicht

Zum Beweis: Joe Johnston zum Beispiel, der Regisseur von „Jurrasic Park 3“ und nun „Hidalgo“ hat der „Denver Post“ von einem Buch mit Mortensens Fotografien erzählt, über das er seine Meinung aufgeschrieben habe, es sei ein netter und ehrlich gemeinter Kommentar gewesen. Aber Viggo habe gesagt: „Ich kann dich solche Sachen nicht über mich sagen lassen.“ Er habe mit dem Lob einfach nicht umgehen können, sagt Johnston. Oder diese Szene: Als Mortensen im Auto über den Sunset Boulevard fuhr und das erste Mal ein Plakat mit seinem Gesicht darauf sah, fuhr er rechts ran – das Plakat hatte ihm Angst gemacht, Angst davor, nicht mehr die Dinge machen zu können, die er wollte, auf die Art, wie er sie wollte.


Mal eine persönliche Anmerkung zum Film, eine zur Handlung. Die hier in Kürze: Frank T. Hopkins (Mortensen), angeblich weltbester Reiter, tritt mit seinem angeblich weltbesten Mustang Hidalgo ein Langstreckenrennen durch die arabische Wüste an, als einziges westliches Gespann unter lauter Arabern. Leider, Mr. Mortensen, ist dieser Plot so einfallsreich wie Fisch an Karfreitag und Lamm an Ostersonntag, leider schaffen es die Schauspieler gerade mal, ihren Figuren das Innenleben eines Schokoladenosterhasen zu verpassen. Bis auf Omar Sharif. Und Viggo Mortensen, natürlich.
Nicht, dass diese Meinung Mister Mortensen kümmern würde ...


„Da werden gute Kritiken zu Hidalgo sein und schlechte“, sagt er mit Schulterzucken, „aber ich bin ziemlich gut darin, die anderen denken zu lassen, was sie denken.“
Ist dieses kurze Zitat der Schlüssel zum Mann? Zu dem, der sich dafür, dass sich nach 20 Jahren nun die erste Großproduktion ganz auf ihn verlässt, reichlich gelassen und sehr ernst gibt?


„Phasen wie diese“, sagt Viggo Mortensen mit leiser Stimme, „wenn ich Tag und Nacht neu Menschen treffe und reden muss, finde ich das kräftzehrend.“ Er rutscht ein Stück im Stuhl hinunter, winkelt ein Jeansbein auf dem Nachbarstuhl an, Schuhe trägt er übrigens nicht: „Das viele Reden zerfährt mich“, sagt er. „Es bringt mich von mir weg. Wenn ich spreche, kann ich nicht dem zuhören, was um mich herum ist.“ Und sein Blick erstarrt im weißen Tischtuch. Aber obwohl er sich jetzt auch noch eine Filterlose anzündet, ist das nicht das Gehabe des Kino-Cowboys-Viggo Mortensen ist niemand, der einem seine Lässigkeit aufdrängt. Er lässt die nicht sehr breiten Schultern nach vorn fallen, spricht leise, langsam, lange. „Im besten Fall ist da gar nichts um mich herum, dem ich zuhören muss.“ – Hippiehaft hört sich das an, haben schgon einige Interviewer geurteilt.


Viggo Mortensen, das Hollywood-Sensibelchen, der Film-Hippie, so falsch ist das gar nicht. Im weiteren Gespräch wird er noch mehrfach Sachen sagen wie: „Der Film zeigt, dass die Idee einer reinen Rasse nicht nur ein lächerlicher Gedanke ist, sondern auch ein gefährlicher. Einem mit schlechtem Spirit.“


Socleh Sätze dürfen ja normalerweise nur im Religionsunterricht fallen oder auf Kiffersofas. Normalerweise. Aber Viggo Mortensen, entscheidet man in solchen Augenblicken, ist von dieser Regel ausgenommen, ja: Die Tiefgang-Seichtheit ist seine Spezialität. Auch wenn an diesem Nachmittag einige Ideen aufblitzen, die man als Pseudo-Künstler-Gequatsche verleumden könnte – er schafft es, sie ganz normal klingen zu lassen: „Ob Pferde oder Menschen: Wir alle haben eine Mutter und einen Vater.“

5000 Dollar für einen Mortensen

In Mortensens Fall ist das eine amerikanische Mutter und ein dänischer Vater. Mit dem lebte die Familie in Argentinien, Venezuela und Dänemark, wo der Vater meist landwirtschaftliche Betriebe verwaltete. Im Woodstock-Sommer. Als Viggo elf war, ließen sich die Eltern scheiden. Die Mutter ging mit ihm und den beiden Brüdern in den Bundesstaat New York. Die nächsten Jahre sind schnell erzählt, ein einziges Suchen. Die Highschool, wo er als schüchtern galt. Studium von Politik und Spanisch – cum laude. Jobben in Dänemark als LKW-Fahrer, Rosen- und Eisverkäufer. Erste Geschichten und Gedichte. Schauspielschule in New York. Hochzeit mit der Sängerin Exene Cervenka, Sängerin der Art-Punk-Band „X“, und Geburt von Sohn Henry, heute 16 und sein bester Freund. Scheidung von Cervenka 1997, nach zehn Jahren, aber in Freundschaft. Er gründet den Verlag „Perceval Press“ und nimmt mit Guns’N’Roses-Gitarrist Buckethead drei CD’s auf; seine Fotos werden bändeweise veröffentlicht, gerade schreibt er seinen vierten Lyrikband, und seit er für „Ein perfekter Mord“ nicht nur spielte, sondern auch malte, kostet ein Werk des Malers Mortensen bis zu 5000 Dollar.


Und jetzt schlägt er doch noch seinen Ausstellungkatalog auf – aber nur, weil ihm einfällt, er hätte lieber wasserfest unterschrieben, die nette Pressefrau, die nette Pressefrau, könnte die bitte einen wasserfesten Stift bringen? Und während er durch abstrakte Gemälde und Fotografien blättert, aus denen grelle Rot- und Violetttöne springen, passiert noch einer dieser Mortensen- Momente: „Alle Kunstformen“, sagt er, „sind nur ein Weg zum selben Ziel: Mein Leben festzuhalten. Durch sie bin ich völlig im Moment. Sie machen mir klar, wie ich das Leben sehe.“ Konzentriert legt er vor der Nase die Handflächen aufeinander, kurz sieht es aus, als wolle er beten, und dann sagt er: „Das Leben ist schnell, ich möchte nicht zu viel davon verpassen.“


Der wasserfeste Stift kommt, so stämmig wie eine Riesenspargelstange. „Das ist ein guter Stift“, findet Mortensen und zieht dick die Unterschrift des Malers Mortensen nach. Und dann setzt er noch einen Strich darunter.


Quelle: Von Friederike Knüpling „Der Tagesspiegel“ vom 11./12. April 2004

Abgetippt und Anmerkung von Miana: Über den Inhalt und den Ausdruck dieses Artikels kann man sicher getrennter Meinung sein, denke ich!!!

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