Sean Bean
spielt im Horrorschocker "Silent Hill" (Bundesstart: 11.05.)
(tsch) Obwohl Sean Bean in mehr als 60 Kinofilmen mitspielte und auch im TV
erfolgreich ist, gehört sein Name nicht zu den geläufigsten. Dabei
bot der kantige Brite aus Sheffield bereits Stars wie Harrison Ford, Robert
De Niro und Michael Douglas die Stirn. Abseits der Leinwand bleibt er im Hintergrund,
Starallüren sind dem nuschelnden 47-Jährigen fremd. Markige Worte
findet er trotzdem: Mittlerweile könne er selbst Regie führen. "Vor
allem, wenn man mit einem Regisseur arbeitet, der es einfach nicht drauf hat",
sagt er mit einem Augenzwinkern. Denn im Grunde sei ihm das Filmemachen zu langwierig:
"Lieber bin ich schnell mit einem Job fertig, um den nächsten anzupacken."
Nun ist er in "Silent Hill" (Start: 11.05.), einer lang erwarteten
Computerspielverfilmung, zu sehen. Im Interview spricht Sean Bean über
Ängste, Familie und die Lust an der Arbeit in zweiter Reihe.
teleschau: Sie mimten sehr lange und fast ausschließlich den Bösewicht, doch seit einiger Zeit spielen sie nur noch nette Figuren. Gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Sean Bean: Daran kann ich mich gar nicht genau erinnern. Ich habe ein paar sehr gute Bösewichte gespielt. Das hat Spaß gemacht. Aber vielleicht war "Der Herr der Ringe" eine Art Wendepunkt für mich, weil Boromir zwar ein echter Kämpfer ist, aber im Grunde seines Herzens ein guter Mensch. Seitdem schaltete ich einige Gänge runter und versuchte mich in ruhigeren Rollen.
teleschau: Wollten Sie den Filmemachern zeigen, dass Sie auch anders können?
Bean: Natürlich musste ich manche Leute erst darauf bringen, dass ich nicht nur böse und verschlagen sein kann. Anständig und einfach nur herzensgut zu sein, passte offenbar nicht zu mir. Doch mit Filmen wie "Kaltes Land", als treu sorgender Ehemann einer kranken Frau, habe ich bewiesen, dass ich auch nett sein kann. Außerdem begann ich erst spät damit, Amerikaner wie den Typen in "Silent Hill" zu verkörpern. Das war eine echte Herausforderung.
teleschau: Sind Sie privat eher umgänglich oder eher unbequem?
Bean: Wollen wir es mal so sagen: Ich kann wirklich nett sein, wenn ich will. Wir alle haben aber auch unsere dunklen Seiten, da nehme ich mich natürlich nicht aus.
teleschau: Haben Sie in Ihren mehr als 60 Kinofilmen irgendwann die perfekte Rolle gefunden?
Bean: Solch eine Suche ist endlos. Das muss sie sein, sonst wäre ich ja gezwungen, mit der Schauspielerei aufzuhören. Ich möchte überrascht werden. Darum habe ich auch keine Liste mit Rollen, in die ich gerne mal schlüpfen würde. Ich möchte mich selbst nicht beschränken und freue mich über jede Herausforderung, die in einem Drehbuch auftaucht.
teleschau: Als Major Richard Sharpe drehten Sie mittlerweile 15 Fernsehfilme für die BBC, die regelmäßig mehr als 40 Prozent Zuschaueranteil erreichen. Was fasziniert Sie an dieser Figur?
Bean: Eigentlich sind es schon 16 Filme. Ich war im vergangenen November und Dezember in Indien und drehte dort wieder einen Teil. Es ist einfach ein klasse Charakter, mit dem ich jetzt schon fünf Jahre verbracht habe. Mit der Zeit, so bilde ich mir ein, ist er mir immer ähnlicher geworden. Das ganze Projekt macht einfach Riesenspaß: viel Action, viel Humor - tolle Unterhaltung für Jungs eben.
teleschau: Sie gelten als ewiger Nebendarsteller. Stört Sie das?
Bean: Im Grunde bin ich ganz zufrieden damit. Ich eigne mich nicht als Superheld. Ich warte nicht mehr auf das perfekte Drehbuch und den perfekten Regisseur, der mir in Hollywood eine Bühne baut. In meiner Position habe ich die Freiheit, mich nicht darum zu kümmern, was man von mir erwartet und kann mit Regisseuren wie Christophe Gans in "Silent Hill", Robert Schwendtke in "Flight Plan" oder Niki Caro in "Kaltes Land" zusammenarbeiten.
teleschau: Sie sollen einmal Interesse an der Rolle des James Bond gezeigt haben. Warum ist nie etwas daraus geworden?
Bean: Ich habe es nie versucht. Aber das Gerücht kenne ich, auch wenn es irgendwie verrückt ist. Schließlich spielte ich den bösen Agenten 006 in "Goldeneye". Klar: Irgendwann wäre das für mich und meine Karriere gut gewesen. Ich wünsche Daniel Craig jedenfalls alles Gute. Die Produzenten haben sich einen guten Typen geangelt.
teleschau: Sie mögen Literaturverfilmungen besonders gern: Welcher Klassiker wartet noch darauf, von Hollywood entdeckt zu werden?
Bean: Die Odyssee hätte längst schon angepackt werden müssen. Das wäre ein gigantisches Projekt, vor allem, wenn ich Odysseus spielen würde (lacht). Das ist ein klassisches Abenteuer, zeitlos und spannend. Generell halte ich Literaturverfilmungen für eine gute Möglichkeit, das Risiko mittelmäßiger Drehbücher zu reduzieren.
teleschau: Welche Rolle spielt der Zeitdruck im Filmgeschäft bei der Qualität der Filme?
Bean: Es ist manchmal wirklich hart, einen Film rechtzeitig in trockene Tücher zu bekommen - vor allem, wenn es eine unabhängige Produktion ist. Kontroverse Themen kommen nicht an. Alles was den Zuschauer herausfordert, alles was schwierig, also nicht Mainstream ist, hat echte Probleme, finanziert zu werden.
teleschau: "Silent Hill" ist die Verfilmung eines populären Computerspiels und nicht gerade ein gutes Beispiel für einen Independent-Film ...
Bean: Es ist zumindest ein sehr merkwürdiger, bizarrer, verstörender Film über ein Paar, dessen Tochter besessen ist von einer fixen Idee.
teleschau: Was hat Ihnen an dem für Sie recht ungewöhnlichen Film gefallen?
Bean: Christophe Gans fiel bereits mit "Der Pakt der Wölfe" auf. Und als ich die Artworks zu "Silent Hill" sah, wusste ich, dass es ein besonderer Film werden wird. Das Bizarre, Unerklärliche hat mich gereizt. An diesem Film kann man gut erkennen, wie ich meine Arbeit sehe: Ich möchte meine Rollen so unterschiedlich wie möglich halten - immer neu, immer spannend. Dann wird mir selbst auch nicht langweilig.
teleschau: Im Film geht es um Angst und den Umgang mit ihr. Welche persönlichen Ängste haben Sie?
Bean: Ich hasse Unsicherheit. Das bringt mich um den Verstand. Ich mag es, wenn die Dinge klar und deutlich sind, greifbar irgendwie. Vielleicht habe ich aus diesem Grund Angst vorm Fliegen. Allerdings musste ich schon so oft hin- und herfliegen, dass ich mittlerweile ganz gut mit meiner Angst umgehen kann und mich beim Abheben nicht mehr in die Sitzlehnen kralle.
teleschau: Also kann die Schauspielerei auch manchmal therapeutisch sein?
Bean: Die Filmerei hat mich geheilt, wenn man so will. Schließlich kam ich nur mit dem Flugzeug überall hin. Aber nach den Anschlägen vom 11. September packte mich die nackte Panik, als ich ins Flugzeug steigen musste. Ich war zu dieser Zeit in New York. Also nahm ich das Schiff zurück nach Southampton. Aber vor einiger Zeit gab es dann dieses schlimme Fährunglück im Roten Meer mit hunderten Toten. Man ist wirklich nirgendwo sicher.
teleschau: Sie haben drei Töchter und leben in Scheidung. Wo wachsen Ihre Kinder auf?
Bean: Ich war dreimal verheiratet, dreimal geschieden. Meine Kinder stammen von zwei verschiedenen Müttern und leben auch bei ihnen. Wir alle wohnen aber in London. Die Wege sind kurz. Ich fühle mich damit zurzeit sehr wohl. Ich genieße meine Freiheit. Nur so habe ich die Möglichkeit, zu Dreharbeiten aufzubrechen, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Trotzdem sehe ich meine Kinder regelmäßig. Und wenn ich eines Tages vielleicht etwas mehr Geld mit meinen Filmen verdiene, habe ich möglicherweise auch mehr Zeit, um mir einen Weinberg zuzulegen oder mir eine Werkstatt zu bauen, in der ich Skulpturen aus Holz oder Stahl fertige.
Quelle: Teleschau 05.05 2006