Träum mit mir


Sich mit Viggo Mortensen teffen, dem Schmachtobjekt aus "Der Herr der Ringe". Herausfinden wollen, wie der so ist. Sich im Fluss seiner Gedanken verlieren. Immer noch schmachten.
Drei Begegnungen mit Viggo Mortensen in zwei Wochen. Die erste: mit dem Maler und Fotografen auf der Vernissage in einer Beverly-Hills-Gallerie, die seine verträumten Impressionen von tanzenden Indianern verkauft. Was der Künstler damit sagen will: "Wir kommunizieren im besten Fall als Umrisse und Silhouetten miteinander, verschwommene Spuren von dem, was wir wirklich sehen, fühlen und meinen".


Verschwommen ist ein gutes Wort, um Viggos Auftritt an diesen Abend zu beschreiben. Denn kaum hatte er die erklärenden Sätze zur Begrüßung gemurmelt, war er auch schon wieder weg. Geschätzte 990 weibliche Kunstinteressierte steckten autogrammlos die Ausgabe des "People Magazin" in der der Aragorn aus "Der Herr der Ringe" - Triologie zu einem der schönsten Menschen der Welt gewählt worden war, wieder ein und trösteten sich enttäuscht mit Chardonnay.


Die zweite Begegnung: in einer New Yorker Hotelsuite, in der Viggo sich gewohnt tiefsinnig äußerte, ohne einen vollständigen Satz zustande zu bringen. Nicht, weil es ihm an Artikulation mangelt, sondern weil seine Gedanken dem zu Sagenden zu weit vorauseilen. "Es wird immer Fragen geben...Eine Chance für böse oder selbst gute Menschen, etwas unerwartet Schlechtes zu tun, das wird immer sein........Man muss bei sich selber anfangen, wenn man Schuld sucht oder die Möglichkeit des Bösen, was immer das für Sie ist...." Seine Gegenwart hat etwas Einlullendes, wenn man erst mal über die Äußerlichkeiten hinweggekommen ist: diesen nordischen Kopf mit göttlichen Wangenknochen und dem allerliebsten Grübchen im Kinn - es gibt ihm etwas kindliches, das noch verstärkt wird, wenn Viggo beim Lächeln entzückende Zahnlücken zeigt. Der 45-Jährige muss irgendwo ein Bild hängen haben, das an seiner Stelle altert. Während er mit sanfter Stimme die Tischrunde langsam einschläfert, erscheint unvollstellbar, dass Mortensen als Bösewicht zu inernationler Bekanntheit gelangte. D

abei hatte er schon einen Gedichtband veröffentlicht, ehe er in "Ein perfekter Mord" den verschlagenen Liebhaber von Gwyneth Paltrow gab. Kollege Elijah Wood nennt ihn gar einen Renaissance-Menschen, weil er so viele Talente pflegt. Er mahlt und fotografiert, nimmt Jazz-CDs auf, ist ein begnadeter Reiter und enthusiastischer Vater des 15-jährigen Henry aus seiner Ex-Ehe mit Exene Cervenka. Viggo Mortensen ist jemand, den man fragen kann: Was ist das Böse? Und von dem man eine Antwort bekommt: "Bewusst andere Menschen zu manipuliern."


Aber wenn man wissen will, in welcher Sprach er rechnet (der Sohn eines Dänen und einer Amerikanerin wuchs in Manhatten, Bueons Aires und Kopenhagen auf und spricht außerdem Spanisch, Dänisch und Englisch fließend Deutsch und hervorragend Französisch und Italienisch), dann muss er lange überlegen. "Ich weiß es nicht...Meine Heimat ist da, wo ich gerade bin. New York und Dänemark. Und wenn ich nach Argentinien komme, dann........Aber das Gefühl habe ich auch in Neuseeland. "


Merkwürdig, dass in der Aufzählung der Heimaten Venice Beach nicht vorkommt, sein Wohnsitz seit vielen Jahren. Die Antwort folgt am nächsten Morgen, in den kostbaren Minuten der dritten Begegnung, unter vier Augen, die er müde mit: "Willst Du ne Zigarette?" einleitet.
Wie war das mit Venice Beach, dem Wohnor, der offenbar nicht Heimat ist? "Interessant" sagt er, "dass ich daran nicht gedachte habe. Ich mag den Boardwalk nicht. Nur im Winter, wenn es kalt ist....Na ja was in Kalifornien als kalt gilt... Wenn es regnet und die See wild ist, dann finde ich Venice Beach wunderschön.


Die Zeit ist begrenzt, also stellt man besser die großen Fragen des Lebens. Er ist barfuß, wie tags zuvor.
Warum sind Frauen von Schuhen besessen?


"Ich ähm. Ich gehe barfuß, weil ich unter Bandscheibenbeschwerden leide. Ich bilde mir ein, das Barfußlaufen tut meinen Rücken gut. Ich besitze ein Paar Reitstiefel und ein Paar Wanderschuhe (träumt), aber ich verstehe, wie man von Schuhen besessen sein kann. Man kann von allen besessen sein."


Aber warum von Schuhen? "Ich.........glaube, es geht um das Horten von Dingen. Das tue ich auch, meistens Papier, Zeitungsausschnitte, Fotos, Gedanken, die ich auf Servietten notiere. Ich habe keine Ordnung wie diese Schuhfanatikerinnen...Aber manchmal gehe ich durch meine Schätze.....".


Okayokayokay so ist das eben mit Menschen, deren rechte Gehirnhälfte unproportional ausgebildet ist. Aber nur solche Wesen von hoher emotionaler Intelligenz haben etwas zum wichtigsten Thema zu sagen: Liebe, die große einzige. Gibt es sie? Herr Mortensen muss mal.
Wie war die Frage?
Liebe. Ist das Wichtigste im Leben?
"Liebe im Sinne von Respekt vielleicht. Freier Wille ist das Wichtigste im Leben".
Also sucht er sich nicht, die Liebe des Lebens?
"Man kann sie nicht suchen, aber vielleicht findet man sie."
Er hat es nicht anders gewollte: "Ist sie Ihnen schon einmal begegnet?"
"Das Leben ist nicht so simpel....Ich habe einmal jemanden getroffen, wo ich fühlte: Das ist sie. Sie wissen doch, wie sich das anfühlt, egal, ob Sie mit der Person zusammenkommen oder nicht. Hinterher stellt man vielleicht fest, dass sie es doch nicht wahr. Was meistens der Fall ist, seien wir ehrlich."


Das ist schrecklich. "Aber wahr! In meinen Fall gab es diese Frau, mit der ich zwar nicht zusammenkam, aber von der ich immer noch glaubte, sie hätte es sein können. Nur dass unsere Leben anderes mit uns vorhatten....
Gibt es keine zweite Chance?


"Mit ihr? Vielleicht. Aber nur, wenn es vorgesehen ist. Man kann niemanden zwingen, etwas zu fühlen. Das ist eben der freie Wille". Also wartet er, bis sie freiwillig zu ihm findet?
"Vielleicht. Aber nicht bewusst. Das hätte schon wieder etwas Manipulatives." Man kann mit einem Traummann einfach nicht auf den Punkt kommen.


Quelle: Amica Dezember 2003

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