Palæfløjen – sadanset – Viggo Mortensen
Am 18. Oktober 2008 eröffnete Viggo Mortensen in Roskilde / Dänemark seine Fotoausstellung „sandanset“. Sie wird bis zum 16. November dort zu sehen sein.
Die dänische Stadt Roskilde liegt auf der Ostseeinsel Sjælland etwa
30 km westlich von Kopenhagen entfernt. Der Name soll sich von „Roars
Kilde“ = „Roars Quelle“ herleiten. König Roar ist eine
Sagengestalt. Roskilde war einst die Königsstadt und spielte in der Geschichte
Dänemarks eine wichtige Rolle. International bekannt ist die Stadt vor
allem durch das jährlich stattfindende Roskilde-Musikfestival.
Im Zentrum der wunderschönen, kleinen Stadt findet man das Roskilde Palais. Es wurde im Jahr 1733 im Barockstil nach den Entwürfen des dänischen Architekten Laurits de Thura erbaut. Seit 1923 ist das Palais bischöfliche Wohnung. Heute findet man dort zudem das Museum für Gegenwartskunde und - das Kunstmuseum Palæfløjen – welches Viggos neuste Fotoausstellung beherbergt.
Viggo Mortensen fotografiert seit seiner frühesten Kindheit gerne und viel, vor allem in den letzten Jahren beschäftigte er sich mit experimenteller Fotografie, was sich auch in seinen letzten veröffentlichen Fotobänden widerspiegelt.
Bereits im Vorraum der Ausstellung wird einem klar, dass Viggo nicht wahllos
seine Fotos ausstellt und dass auch die Anordnung der Fotografien einem bestimmten
Sinn entspricht.
Nicht in Augenhöhe, sondern dicht unter der hohen Decke findet man die
ersten Fotografien der Ausstellung, so dass man als Betrachter gezwungen ist,
seinen Blick nach oben zu erheben, dorthin, wo man die fotografierten Motive
in freier Natur wiederfindet – Wolkenformationen am Himmel.
In fünf, nun ja, doch etwas kleineren Räumen als man erwartet hat, reihen sich die Fotografien der Ausstellung aneinander. Die Räume sind relativ schmal, so wie der kleine Flügel des Palais, in dem die Ausstellung untergebracht ist.
Während man sich die ersten Bilder ansieht, stellt man plötzlich fest,
dass beim Aufhängen der Bilder ein Fehler unterlaufen sein muss, denn einige
der Fotos, die in der unteren Reihe hängen, hängen verkehrt herum,
auf dem Kopf.
Und dann ist man völlig überrascht, als man feststellt, dass ALLE
Bilder der unteren Reihe verkehrt herum aufgehängt wurden – und dass
es kein Fehler ist, sondern beabsichtigt.
Viggo Mortensen zwingt die Besucher seiner Ausstellung, sich bewusst mit seinen Fotografien auseinanderzusetzen, sich nicht einen eigenen Weg durch seine Bilder zu suchen, sondern ihm, dem Fotografen zu folgen und sich mit seiner Sicht der Dinge auseinanderzusetzen.
Die 192 kleinen Fotografien der Ausstellung wurden in 21 Gruppen aufgeteilt,
keine der Gruppen hat einen Namen und auch die Bezeichnung der einzelnen Fotografien
geben nicht wirklich Auskunft über das Bild, eigentlich erfährt man
nur, wo das Motiv fotografiert wurde.
Ich persönlich muss zugeben, dass mir nicht immer klar wurde unter welchen
Gesichtspunkten Viggo seine Bilder in einer Gruppe zusammenfügte. Ich habe
mich im Vorfeld auch nicht mit seiner neuster Ausstellung auseinandergesetzt,
weil ich unvoreingenommen den Fotografien gegenüberstehen wollte und für
mich selber, eben meine subjektive Meinung, mit nach Hause nehmen wollte.
Doch wenn man sich jetzt im Nachhinein die Fotografien nicht einzeln ansieht, sondern im Zusammenhang, macht man noch eine erstaunliche Entdeckung. Auf dem unteren Bild sieht man in der unteren Reihe Fotografien, die nicht wirklich zusammengehören, trotzdem bilden sie an der Trennlinie zwischen Himmel und Erde eine einheitliche Linie, sowohl in der oberen Reihe der Fotos, als auch in der unteren. Ungewollt fragt man sich, ob Viggo bereits beim Fotografieren dies beabsichtigt hatte, seine Fotografien so zu präsentieren, oder ob ihm die Idee erst bei der Auswahl seiner Motive gekommen ist.
Alle Bilder scheinen somit miteinander in Beziehung zu stehen, auch wenn manche
Motive unterschiedlicher nicht sein könnten.
Nichts desto trotz lösen Viggos Fotografien die gegensätzlichsten Gefühle in einem aus.
Einige Fotografien findet man einfach nur wunderschön – Naturaufnahmen,
die zeigen, wie wundervoll unsere Natur ist und einen daran erinnern, alles
dafür zu tun, um diese Schönheit zu erhalten. Diese Bilder sind Ruhe
und Frieden pur! Bei einigen dieser Fotos war ich versucht, sie käuflich
zu erwerben, doch leider kann man diese Fotos nur in der ganzen Gruppe erwerben
– und – nun ja, die Preise sind ehrlich gesagt nicht unbedingt meine
Preisklasse. Schade!
Andere Bilder klagen stumm an – und es bleibt jeden selbst überlassen,
ob und wie man sich damit auseinandersetzt.
Und dann gibt es Fotografien, bei denen ich mich ehrlich gefragt habe, warum Viggo dieses Foto seiner Ausstellung hinzugefügt hat – unscharf, keine Aussagekraft und es wirkt wie ein Schnappschuss, der nichts geworden ist! Jeder andere hätte dieses Bild gelöscht oder gar nicht erst entwickelt – nicht so ein Viggo Mortensen.
Warum tut er das?
Viggo Mortensen will auch provozieren!
Nicht schockieren, sondern herausfordern!
Akzeptiert der Betrachter, was das Bild aussagt - nämlich gar nichts?! Oder stellt sich der Betrachter hin und versucht zu philosophieren, was dieses Foto aussagen soll – eben weil es ein Viggo Mortensen ausgestellt hat und deshalb muss es schließlich eine gewisse Aussagekraft haben?!
Oder möchte Viggo wirklich etwas mit diesem Bild ausdrücken? Soll
jeder Betrachter für sich ganz allein etwas von diesem Bild mit nach Hause
nehmen? Eben dass man manchmal nicht gleich immer sieht, wie die Welt wirklich
ist und man sich bemühen muss, auch einmal hinter die Kulissen zu sehen?
Dass manchmal nichts so ist, wie es scheint?
Diese Frage muss wohl jeder für sich allein beantworten.
Beeindruckend sind dann aber auch Fotografien, die wahrlich Schnappschüsse sind – kennen wir nicht alle Momente, wo wir uns gewünscht hätten, eine Kamera dabei zu haben und einen kleinen, winzigen Moment festhalten zu können?
Viggo ist es gelungen – und darum beneide ich ihn.
Oder wer kann von sich schon sagen, Motive fotografiert zu haben, die in sich selber nicht gegensätzlicher sein können? Nehmen wir solche Momente überhaupt wahr, oder gehen wir achtlos an ihnen vorüber?
Und dann sind da die Fotografien, die einen unwillkürlich inne halten lassen, weil sie uns eine ganz andere Welt eröffnen, uns Einblicke gewährt in das Leben anderer Menschen, anderer Kulturen ...
Am Ende der Ausstellung fühl man sich fast erschlagen von der Vielzahl der Eindrücke und man ringt mit sich, wie man diese Eindrücke verarbeiten soll, was man für sich selber mit nach Hause nimmt, was einem diese Ausstellung gegeben hat.
Doch noch ist man nicht am Ende angekommen und der letzte und schmalste Raum
fordert einen wahrlich heraus.
Einige Motive seiner experimentellen Fotografien hat Viggo in überdimensionale
Bilder vergrößern lassen, fast doppelt so hoch wie ein Mensch und
ca. anderthalb Meter breit.
Nun, große Bilder sieht man sich immer mit einigen Metern Abstand an,
um es komplett auf sich wirken zu lassen und das Bild im Ganzen betrachten zu
können. Einige dieser übergroßen Fotografien hat Viggo auch
in den größeren Räumen ausgestellt, aber drei dieser Bilder
nicht.
An der rechten Seite des Bildes befindet sich bereits die Wand, so dass ihr
einen Eindruck bekommen könnt von dem schmalen Gang, in dem diese drei
Fotografien ausgestellt worden sind.
Etwas irritiert geht man hinein und fragt sich ernsthaft, wie soll man diese
Bilder auf sich wirken lassen???
Man versucht Fotos zu machen und plötzlich (der digitalen Kameratechnik
sei Dank!) ertappt man sich selber dabei, wie man unbewusst begonnen hat, experimentell
zu fotografieren – denn den Bildern gegenüber befinden sich Fenster,
die sich in den Bildern spiegeln – und sich selber findet man plötzlich
auch wieder in den Fotos, die man gemacht hat.
Es war ein eigenartiges Gefühl, welches ich hier nicht richtig beschreiben
kann, aber in diesem Raum hatte ich das Gefühl, dass etwas Klick in mir
gemacht hat.
Probier einfach alles aus, du wirst überrascht sein, was alles möglich
ist, selbst wenn man glaubt, das kann nie funktionieren! Trau dich!
Diese beiden Fotos haben Rhayne und ich gemacht, wir haben uns gegenseitig fotografiert,
obwohl es auf den Bildern so aussieht, als hätten wir uns selbst fotografiert.
Wir standen gemeinsam vor ein und demselben Bild und haben im gleichen Augenblick
auf den Auslöser gedrückt. Verrückt – und ich könnte
mir durchaus vorstellen, dass Viggo begeistert davon wäre! *lach*
Jetzt, im Nachhinein, wo ich mir die Fotografien so betrachte, entdecke ich
immer noch Neues, was mir beim ersten Betrachten nicht aufgefallen ist und ich
bedauere es, die Ausstellung nicht noch einmal besucht zu haben.
Es ist wie mit einem Film. Es entgehen einem immer gerade die kleinen Sachen,
die oft aber gerade den Film ausmachen – und ich denke, dass es mir mit
dieser Ausstellung auch so gegangen wäre.
Es sind die kleinen Dinge im Leben, die das Leben an sich ausmachen!
Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich hier meine ganz persönlichen Eindrücke und Meinungen zu Viggos neuster Fotoausstellung aufgeschrieben habe. Andere können viele Dinge anders sehen als ich – das ist auch ihr gutes Recht!
Ich maße mir nicht an, damit wiedergeben zu wollen, was Viggo vielleicht wirklich mit der Aussage seiner Ausstellung bezweckt hat – doch ich denke, dass Viggo es wichtig ist, dass jeder für sich allein etwas mit nach Hause nimmt!
Ich für meinen Teil habe es getan. Danke, Viggo!
© Original Images by Viggo Mortensen & Perceval Press
© Images by Rhayne & Miana
© Bericht by Miana Oktober 2008