Viggo Mortensen
Viggo Mortensens Kinokarriere begann vor 18 Jahren an der Seite von Harrison Ford in "Der einzige Zeuge". Berühmt wurde der gebürtige New Yorker jedoch als König Aragorn in Peter Jacksons Saga-Trilogie " Der Herr der Ringe". Für uns blickt Mortensen noch letztes Mal zurück und erzählt von seinen Abenteuern bei den Dreharbeiten in Neuseeland.
Spielfilm.de:
Mr. Mortensen, ist Ihnen inzwischen klar geworden, dass bald alles zu Ende ist?
Viggo Mortensen:
Ich werde vielleicht nie wieder in das Kostüm Aragorns schlüpfen und
in die Schlacht ziehen, aber meine Erinnerungen werde ich behalten. Genauso
wie die Freundschaften, die ich mit Regisseur Peter Jackson und den anderen
Schauspielern geschlossen habe - und mit Neuseeland und seinen Bewohnern. Das
Leben ist viel zu kurz, um all das zu vergessen.
Spielfilm.de:
Alle drei Teile der Saga wurden in einem Stück gedreht. Inwiefern können
Sie den letzten Teil eigentlich separat betrachten?
Mortensen:
Ich sehe alle Teile als eine große Saga, als eine lange Entwicklung. Der
dritte Teil hievt die Story noch einmal auf eine andere Ebene, bevor alle Stränge
zusammenlaufen. Von Anfang an war Aragorns Wille erkennbar, die schwierige Rolle
des Führers zu übernehmen und sich für das Wohl anderer zu opfern.
Nun muss er die ganze Armee Rohans überzeugen, es ihm gleich zu tun. Ihm
zu folgen. Sein Leben hintanzustellen und alles aufs Spiel zu setzen. Dieser
unbedingte Wille ist ein Grundthema des Films. Auch Sam muss sich im dritten
Teil mehr denn je um Frodo kümmern.
Spielfilm.de:
Welche anderen Thesen verbergen sich hinter der Story von "Herr der Ringe"?
Mortensen:
Die Saga offenbart, dass es keine Schwäche ist, auch einmal zu zweifeln.
Dass deine Worte und Taten direkten Einfluss auf deine Mitmenschen haben. Und
dass kein Volk überleben kann, wenn es nicht Mitleid und Gnade gegenüber
fremden und andersartigen Menschen zeigt.
Spielfilm.de:
Wo zeigt sich das im Handeln Aragorns?
Mortensen:
Er ist mehr als jeder andere durch Mittelerde gereist und weiß somit alles
über die unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Bräuche der einzelnen
Völker. Er versteht, dass wir mehr Gemeinsamkeiten mit den andere Völkern,
Rassen und Glaubenssystemen haben, als wir denken. Dass wir gar nicht so unterschiedlich
sind. Man muss nur bereit sein, das zu erkennen.
Spielfilm.de:
Boromir war dazu bisher nicht in der Lage?
Mortensen:
Genau. Anfangs hätte er den Ring genommen und seine Interessen durchgesetzt.
Aber ich will Ihnen etwas verraten: Am Ende setzt er sein Leben aufs Spiel,
um das Leben der Hobbits zu retten, für die er bisher nur Verachtung übrig
hatte. Er erkennt, dass sogar die kleinste Person wichtig ist.
Spielfilm.de:
Wie kann man diese Thesen auf die heutige Zeit übertragen?
Mortensen:
Nehmen wir an, dass wir uns in einem Restaurant darüber unterhalten, wie
wichtig es ist, menschlich zu sein und keine Vorurteile zu haben. Dann kommt
die Bedienung, und wir schnauzen sie an, dass sie uns gefälligst nicht
bei unserem Gespräch stören soll. Und schon haben wir alle guten Vorsätze
wieder über Bord geworfen. Es geht sehr schnell.
Spielfilm.de:
Also faires Verhalten jedem gegenüber?
Mortensen:
Exakt. Es spielt eine Rolle, wie Merry und Pippin miteinander umgehen. Es spielt
eine Rolle, wie ich meinen Sohn, den Kellner oder sonst wen behandle. Man fragt
sich heutzutage, weshalb man überhaupt noch wählen soll, wenn Ergebnisse
gefälscht werden oder die Politiker ihre Versprechen später doch nicht
einhalten. Warum also wählen? Ganz einfach: Weil sich sonst nie etwas ändern
wird. So verhält es sich mit allen Dingen. Alles, was eine Person macht
und leistet, ist wichtig. Auch wenn es Milliarden anderer Menschen auf der Welt
gibt. Nur mit dieser Einstellung können wir in der Gemeinschaft leben.
Dank "Herr der Ringe" glaube ich mehr denn je daran.
Spielfilm.de:
Was ist Ihre schönste Erinnerung an das gesamte Projekt?
Mortensen:
Schwer zu sagen. Es gab zu viele wundervolle Augenblicke, als dass ich einen
einzelnen herauszupicken könnte. Jedes Mal, wenn ich mir meine Fotos ansehe,
erinnere ich mich wieder an neue Dinge, die ich schon fast vergessen hatte.
Wir haben einfach so viel erlebt.
Spielfilm.de:
Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie Ihre Fotos vom Beginn der Dreharbeiten
betrachten? Bilder aus einer Zeit, als noch alle am Anfang des Projekts standen?
Mortensen:
Es ist seltsam, wie sich der menschliche Körper in vier Jahren verändern
kann. Man sieht vor allem in den Augen, dass wir alle nicht den blassesten Schimmer
hatten, wie energie- und zeitraubend das ganze Projekt werden würde. Auf
neueren Fotos dagegen sieht man in den Augen, dass wir eine einmalige Erfahrung
hinter uns haben, dass wir auf eine harte Probe gestellt wurden.
Spielfilm.de:
Hat irgendjemand damit gerechnet, dass die Trilogie so großes Aufsehen
erregen würde?
Mortensen:
Wir waren uns bewusst, dass das Publikum die Geschichte eventuell lieben könnte.
Aber mit diesen Ausmaßen konnte keiner rechnen. Nur John Rhys-Davies sagte
immer wieder, dass die Filme alles bisher Dagewesene übertreffen würden.
Spielfilm.de:
Welche Requisiten durften Sie behalten?
Mortensen:
Mein stählernes Schwert, Rüstungen, Waffen, Mauerteile und noch ein
paar andere Dinge.
Spielfilm.de:
Stimmt es eigentlich, dass Sie sich während der Dreharbeiten in den Wäldern
Neuseelands verirrt haben?
Mortensen:
(lacht) Das ist richtig. Ich hatte frei und wollte ein bisschen wandern gehen.
Doch dann wurde es dunkel, und ich verirrte mich in den Wäldern. Ich hatte
keine Taschenlampe dabei, nur meine Kamera. Also benutzte ich den Blitz, um
mich in der Finsternis zu orientieren. Doch ich fiel ständig hin, schnitt
mich an Dornen und geriet schließlich in ein Sumpfgebiet. Mir blieb also
nichts anderes übrig, als auf das Mondlicht zu warten. Die Make-up-Abteilung
musste am nächsten Tag ganze Arbeit leisten. (lacht) So ist es eben im
Leben. Egal wie viel man plant und organisiert: Unvorhersehbare Momente
Quelle: Spielfilm.de Interview: Elisabeth Sereda / Johannes Bonke / Rico Pfirstinger