Viggo Mortensen - Ein Mann des Wortes


Er hatte zuvor schon in beachtlich vielen Filmen mitgespielt - und doch kannte ihn keiner. Erst durch die Verfilmung der Tolkien-Saga wurde er zum Star - womit der schüchterne Schauspieler, der auch Lyriker und Maler ist, so seine Probleme hat

Meine Kollegen brüsten sich. Sie dürfen mit der bezaubernden Elbin Liv Tyler sprechen. Oder mit dem wahren Herrn der Ringe, Peter Jackson. Ficht mich alles nicht an. Ich habe eine Audienz beim König. Viggo Mortensen, der Mann, der nicht nur der Messias des "Herrn der Ringe" ist (und auch so aussieht), sondern als Einziger in dem Überneunstundenwerk auch eine kleine, zarte Romanze erleben darf.


Glaubte man anfangs noch, der kleine Hobbit Elijah Wood wäre der Star der Trilogie, und versuchte man uns Orlando Bloom als Sympathieträger zu verkaufen, war spätestens mit dem zweiten Teil der Saga klar, dass die Jungs gegen den gestandenen 45-Jährigen nicht ankommen. Und der wird jetzt, im letzten Teil, zum König gekrönt. Der eigentliche Held. Die Schlüsselfigur. Ihro Mortensität.


Keine Lakaien säumen die Flure, nur misstrauische Bodyguards. Und Er selbst sitzt auf keinem Thron, sondern im gewöhnlichen Sessel. Fast so schlicht wie der Architekt aus einer anderen Trilogie. Ihro Gnaden erlauben sich, Straßenkluft zu tragen. Und barfuß zu wandeln. Eine, wie es scheint, neuseeländische Sitte. Läuft doch auch Peter Jackson immer so herum - allerdings auch im Schlabber-Look, worüber Er wohl not amused wäre.


Stimmt es, was ein Frauenmagazin ganz genau wissen will, dass er fließend Deutsch spricht? Leider nein. Er kann nur Bröckchen. Eins davon ist immerhin "Atomkraft". Keine Vokabel, die man als Erstes lernt. Er bietet im Gegenzug Dänisch an (hat er vom Vater). Ich gestehe, dass auch ich da nur Bröckchen kann (Smøre, Brød und so.) Es bleibt also beim Englisch. Das eben veröffentlichte Elbisch-Wörterbuch haben wir beide nicht intus.


Auf dem Tischchen qualmen fremdartige Blätter in einem hölzernen Gefäß, an dem Mortensen zuweilen genüsslich saugt. Eine exotische Droge? Entrüstetes Stirnrunzeln. Mitnichten. Eine besondere Form des Teegenusses, aus Argentinien importiert. Zurück zum Protokoll. Empfindet man, wenn man vier Jahre lang - mit Drehen, Nachdrehen und drei weltweiten PR-Touren - am selben Film, mit denselben Leuten arbeitet, eigentlich Wehmut, wenn es aufhört? Die Antwort fällt sehr diplomatisch aus. "Ich habe Freunde gewonnen. Und trage die Erinnerungen in mir. Das wird bleiben." Dann hat er aber auch ganz bewusst Schluss gemacht. Der Bart ist ab - buchstäblich. Die Haare sind es auch. "Dabei hat es ewig gedauert", schmunzelt er, "bis sie so lange waren, dass ich keine Perücke mehr brauchte."


Sein neues, also wieder altes Gesicht, man sah es schon in Filmen wie "Der einzige Zeuge", "Carlito's Way", im "Psycho"-Remake". In vielen bekannten Filmen. Ihn selbst erinnert man nicht. Kennt ihn eigentlich nur mit diesem anderen Gesicht, als Aragorn. Die vermutlich größte Rolle seines Lebens sollte eigentlich Stuart Townsend spielen. Bis Jackson nach vier Drehtagen befand, dass der zu jung war, und überstürzt Mortensen castete. Der wird jetzt auf der Straße schon ab und an als Aragorn angesprochen. Das behagt ihm gar nicht.


Er kann auch nicht verstehen, wie der dritte Teil der Film-Saga so auf seine Figur hin rezipiert werde: "Da muss beim Marketing irgend etwas schief gelaufen sein." Eine große Geste, die ihn, den Gekrönten, erst wirklich adelt. Er zählt all die anderen Charaktere auf und was sie verkörpern, auch für uns, im irdischen Dasein. Jetzt sieht er plötzlich überall nur sein Gesicht auf den Plakaten. "Das wird aber nicht immer so sein. In einem Jahr werden die Leute schon auf jemand ganz anderen fokussiert sein." Es klingt fast erleichtert.


Viggo Mortensen spricht beont langsam. Leistet sich auch den Luxus, inne zu halten, bevor er weiter spricht. Nur ein Beispiel. Die Frage, ob die Trilogie auch eine Metapher auf das Filmbusiness ist ("Wer den Ring hat, hat die Macht"), fasst er allgemeiner: "Es geht mehr in die Richtung: Sei vorsichtig, denn der Ring kann dich beherrschen. Es gibt Schauspieler, die Preisen und Auszeichnungen hinterher jagen. Das bringt dich bei der Arbeit nicht wirklich weiter; was sich ändert, ist, wie du dich verhältst."


Dann holt er weiter aus. "Man kann das aber auch viel globaler fassen. Der Ring ist ein Symbol, Menschen zu kontrollieren, auch aus großer Distanz." Plötzlich liefert er eine schneidende Amerika-Kritik, aber ganz ruhig, ohne den Anklage-Ton eines Michael Moore: "Die USA wollen den Willen der Menschen kontrollieren und nennen das einen patriotischen Akt." Das genau sei des Ringes Kern: "Die Verführung ist, dass man andere kontrollieren kann. Am Ende aber versklavt man sich selbst, am Ende ist man ein Gollum."


Der Mann der Tat, er ist in Wahrheit ein Mann des Wortes. Einer, der seinen Tolkien nicht nur gelesen, nicht nur gespielt, sondern verinnerlicht hat. Ein kluger, nachdenklicher und -bescheidener Mensch, selten genug in seiner Zunft. Als ich zurückkehre, haben die Kollegen, die bei Peter Jackson waren, leuchtende Augen. Die von Liv Tyler kommen, erst recht. Am meisten aber leuchten meine. Aktuelle Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage "Berlin live"

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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