Das Erschaffen einer mythologischen Identität für England
Da Tolkien fand, dass es seiner Heimat England an poetischen Legenden mangelte,
erschuf er die Mythologie und Geschichte von Mittelerde, damit diese als solche
diente. Nachdem die letzten Römer das heutige England ungefähr 400
nach Christus verließen, veränderte eine Reihe von Migrationen und
Invasionen die kulturelle Landschaft Englands. Zuerst kamen die Angelsachsen;
dann die Dänen und norwegischen Wikinger; und letztendlich im Jahre 1066
die Normannen aus Frankreich. Das Ergebnis davon war, dass viele der mündlich
überlieferten Geschichten früherer Zeitalter verloren waren.
Um diesen Verlust zu entschädigen, verbrachte Tolkien Jahre damit, die
Geschichte und Mythologie von Mittelerde zu entwickeln und abzustimmen. In seinem
Buch “Das Silmarillion”, das er während des Ersten Weltkriegs
zu schreiben begann, beschrieb er akribisch genau die Geschichten von Mittelerde.
Die “Herr der Ringe-“ Bücher, die in den 50er Jahren veröffentlicht
wurden, stützen sich auf die Mythologie, die Tolkien in “Das Silmarillion”
ausführlich erzählt hatte, obwohl “Das Silmarillion”nicht
vor 1977 veröffentlicht wurde.
Die Mythen, die den Herr der Ringe inspirierten
Beowulf
Tolkien nannte als eine seiner einflussreichsten Lektüren
“Beowulf” und gliederte einige der ideologischen Konflikte, die
in diesem Gedicht vergegenwärtigt werden, in seine Mythologie ein.
Beowulf ist eine Mischung von historischen Ereignissen und nordischen Legenden.
Das Gedicht wurde wahrscheinlich im 7. oder 8. Jahrhundert verfasst und besteht
vorrangig aus gesungenen oder gesprochenen Versen.
Ein Manuskript des Gedichts, das um 1000 n. Chr. geschrieben wurde, macht Beowulf
zu dem frühesten epischen Werk nordeuropäischer Literatur, das überlebt
hat.
Beowulf erzählt von den Abenteuern eines skandinavischen Helden, Beowulf,
der die Dänen vor einem scheinbar unbesiegbaren Monster, Grendel, und dann
vor Grendels Mutter rettet. Beowulf kehrt schließlich in sein eigenes
Land zurück, wo er in einem heftigen Kampf gegen einen Drachen umkommt.
Tolkien infundierte dem Herrn der Ringe den physischen und spirituellen Konflikt,
der in Beowulf offensichtlich ist, wie Jane Chance, eine Englischprofessorin,
in “Tolkiens Kunst” schreibt:
Weil die Gemeinschaft mit der Verantwortung, den Ring zu tragen, belastet ist und weil dessen Gegenwart das Böse anzieht, kommt die größte Bedrohung für die Gemeinschaft und die Mission nicht von außen sondern von innen. Der Held muss begreifen, dass er zum Monster werden kann. Die zwei Bücher von “Die Gefährten” verfolgen den Prozess dieser Bewusstwerdung: Das erste Buch konzentriert sich auf die Darstellung des Bösen als etwas Äußerliches und Physisches, was das physische Heldentum erfordert, um es zu bekämpfen; und das zweite Buch konzentriert sich auf die Darstellung des Bösen als etwas Inneres und Spirituelles, was ein geistiges Heldentum erfordert, um es zu bekämpfen. Der Held reift heran, indem er den Charakter von Gut und Böse zu verstehen lernt - insbesondere indem er in eine Unterwelt hinabsteigt, um dann in einer Überwelt aufzusteigen, die im ersten Buch eine natürliche und im zweiten eine übernatürlich ist. Diese zwei Ebenen entsprechen denen - germanisch und christlich - von Beowulf und dem Hobbit. Für Frodo ist, wie auch für Beowulf und Bilbo, der letzte Feind er selbst.
Andere mythologische Einflüsse
Islands “Poetic Edda” enthält mythologische und heroische Gedichte, die über einen langen Zeitraum hinweg verfasst wurden (800-1000 n. Chr.). Die Namen der Zwerge in “Der Hobbit” wurden von der “Poetic Edda” hergeleitet.
Die Finnische “Kalevala”, eine Sammlung alter finnischer Balladen
und Gedichte aus dem 19. Jh. zeigt Parallelen zu der wirklichen Geschichte der
Finnen auf. Tolkien war von der “Kalevala” fasziniert, als er in
ihr zeitlose Themen und archetypische Charaktere fand. Der Held der “Kalevala”
ist ein weiser, alter Schamane namens Vainamoinen, der einen wallenden Bart
und magische Kräfte besitzt, was an Gandalf in “Der Herr der Ringe”
erinnert.
“Sir Gawain and the Green Knight” wurde im späten 14. Jh. anonym
in England verfasst. Die Geschichte von Sir Gawain zeichnet die zahlreichen
physischen und mentalen Tests der Ritter der Tafelrunde auf. Das Hauptthema
in “Sir Gawain”, nämlich der Verführung zu widerstehen,
ist auch ein Haupthandlungsteil- und thema in “Der Herr der Ringe”.